Vielleicht mal ohne Smartphone

Predigt am 17.07.2016

Wir sind jetzt in der Ferienzeit. Heiß ersehnt dieser Urlaub! Wir möchten raus aus dem reinen Alltag, wir brauchen Tapetenwechsel. Vielleicht bringt uns der Urlaub darauf, insgesamt ein anderes Tempo einzulegen: ruhiger, weniger Stress, Konzentration auf wirklich Wesentliches.


Das ist auch ein Thema, das im Evangelium von heute anklingt. Jesus trifft zwei Schwestern. Er ist mit der Familie befreundet, er kennt sie gut. Er ist auf vertrautem Boden. Die beiden Schwestern sind so verschieden, wie Schwestern nur sein können. Die eine macht und tut, springt, läuft, organisiert alles, deckt den Tisch, stellt Blumen drauf, bewirtet die Gäste.
Für die andere heißt Besuch: hinsetzen, zuhören, erzählen. Beide gehen sich natürlich nicht erst jetzt auf die Nerven - bei der Unruhigeren reißt der Faden eher. „Siehst du nicht, Herr, wie sie mich im Stich lässt? Sie soll mir helfen." Jesus ist nicht ganz einverstanden: „Du machst dir viele Sorgen. Dabei ist doch nur eines notwendig. Das begreift deine Schwester besser als du. Darum will ich es ihr auch nicht ausreden.“


Verlassen wir zunächst das Evangelium und hören wir eine Geschichte. Sie kann uns sagen, was an der Unruhe der Marta - und unserer eigenen - schwierig und problematisch ist.
Ein in der Meditation erfahrener Mann wurde einmal gefragt, warum er trotz seiner vielen Arbeit und Beanspruchung immer so gesammelt sein könne. Er sagte: Wenn ich stehe, dann stehe ich. Wenn ich gehe, dann gehe ich. Wenn ich sitze, dann sitze ich. Wenn ich esse, dann esse ich.
Da fielen ihm die Fragesteller ins Wort und sagten: Das tun wir doch auch! Er aber sagte zu ihnen: Nein, wenn ihr sitzt, dann steht ihr schon. Wenn ihr steht, dann lauft ihr schon. Wenn ihr lauft, dann seid ihr schon am Ziel. (Aus: Geschichten für Sinndeuter, Düsseldorf 1982, S. 37)


Wer kennt das nicht: frühstücken und zugleich Zeitung lesen. Durch die Stadt gehen, und jeder zweite hat das Handy am Ohr. Sich unterhalten und dabei an ganz was Anderes denken. Lernen und Musik hören, ein Auto steuern und telefonieren. Ja, das Telefonieren, das Handy und Smartphone wird zum deutlichsten Instrument dieses Hin und Her! Die Wurzel der Unruhe könnte also darin liegen, dass wir immer zwei oder mehr Dinge zugleich tun wollen!


Auch als Priester ertappe ich mich dabei: ich begrüße jemanden und bin in Gedanken schon beim nächsten Termin, der mich sehr beschäftigt. Ich tue so, als würde ich gut zuhören, nicke mit dem Kopf und bin gedanklich woanders. Ich nehme halbherzig zwei Termine wahr, weil ich allen gerecht werden will, und werde es schließlich keinem. „Halbherzig“ - ja, so muss man das wohl nennen.


Der Dichter Eugen Roth hat das sehr schön auf den Punkt gebracht:
Ein Mensch meint – und ist stolz darauf,
er geh in seinen Pflichten auf.
Doch bald – und gar nicht mehr so munter –
geht er in seinen Pflichten unter!


Niemand kann zwei Dinge tun (Modewort: multitasking!) und beidem zugleich gerecht werden. Natürlich kann man mehrere Sachen gleichzeitig machen, aber wahrscheinlich zahlt man seinen Preis dafür. Man bleibt dann häufig an der Oberfläche, will nichts verpassen, aber kommt nicht zur Ruhe, kommt selten in die Tiefe. Das Herz geht ziemlich leer aus.


Marta ist in ihrem Herzen aggressiv gegen Maria, weil sie ihre Schwester beneidet: Sie spürt, dass sie selbst auch das wählen möchte, was Maria gewählt hat. Sie kann es aber nicht, weil sie schon steht, wenn sie sitzt, weil sie schon geht, wenn sie steht und weil sie schon am Ziel ist, wenn sie geht. Das frisst an ihrem Herzen, macht sie unruhig, und sie will Jesus auf ihre Seite ziehen. Doch der lässt sich nicht von ihrer Unruhe anstecken: Eines nur ist notwendig, sagt er. Wer sich auf dieses Eine ganz einlässt, der begegnet darin Gott. Denn er ist nicht der Gott des Vielerlei und der tausend Ablenkungen, sondern der Gott des ungeteilten Herzens (vgl. Lk 10,27).


Wer krank ist, erlaube sich, krank zu sein. Wer schläft, erlaube sich zu schlafen. Wer mit jemandem spricht, sei ganz drin im Gespräch. Wer verreist, sei ganz im neuen Land und hänge nicht im alten Alltag zuhause fest. Das gelingt aber nicht auf dem Sprung, nicht zwischendrin, nicht mit halbem Ohr und ganz bestimmt nicht mit halbem Herzen!


Ein Kind hat einmal sehr plastisch eine Lösung für die Unruhe der Marta aufgezeigt: „Die könnten doch erst Jesus zuhören und dann miteinander in der Küche arbeiten!"
Im heutigen Evangelium verurteilt Jesus nicht einfach die Arbeit und die Geschäftigkeit. Er spricht nicht einfach die Beschaulichkeit und das Nichtstun heilig. Das wäre ein grobes Missverständnis! Er weist vielmehr auf das unruhige, geteilte Herz hin. Darum heißt die Frohbotschaft heute: „Du brauchst nicht zwei Dinge gleichzeitig zu tun - du darfst wählen." Gebe uns Gott, dass wir lernen, das eine Notwendige gelassen zu wählen!