Schmetterlinge

Predigt bei einer Hochzeit 17.07.2016

Was suchen die Schmetterlinge hier, die so schön über die Kirche verteilt sind? Sind sie eine Erinnerung an die „Schmetterlinge im Bauch“, die wohl in jedem jungen frisch verliebten Paar herumschwirren?
Das war ja der Beginn Ihrer Beziehung: nach einem Disco-Besuch vor drei Jahren haben Sie - noch einander fremd, aber aus derselben Gegend - ein Taxi miteinander geteilt. Sind die Schmetterlinge da schon ausgeschlüpft? Und haben für ein gewaltiges Kribbeln gesorgt? Und sind geblieben trotz, oder gerade wegen räumlicher Trennung, als die Braut nach Essen an die Schule verschwand? Und flattern ganz heftig mit den Flügeln, wenn Sie in Holland, am Meer, Ihrem Lieblingsort, Ihren Caravan bewohnen?


Schmetterlinge stehen nicht nur fürs Verliebt-Sein, sondern für die Liebe und für das Leben selbst. Vielleicht sind es die schönsten Lebewesen überhaupt! Faszinierend - so leicht, so elegant! Ich habe, um das zu überprüfen, extra Fotos angeschaut, etwa aus der wunderbaren Ausstellung „Schöpfung“ im Gasometer Oberhausen. Schmetterlinge sind so bunt und vielfarbig, jeder anders - wie das Leben! Sie sind so fragil und zerbrechlich - wie das Leben, wie die Liebe. Die Liebe, diese spontane und so freie „Überrumpelung“, fragil und zerbrechlich, braucht einen Schutz, der ihr Entlastung und Dauer verleiht.


So ist die Ehe immer verstanden worden. Die Liebe ist wie ein Gemälde, ein Bild. Und die Ehe ist der Rahmen dazu, der das Bild umgibt und zusammenhält. Etwas Ähnliches war gerade in der Lesung zu hören: „Die Liebe ist das Band, das alles zusammenhält und vollkommen macht.“ (Kol 3,14)


Der Staat sieht die Ehe als hilfreiche „Institution“, als vielleicht wichtigsten Baustein der Gesellschaft. Und die Kirche, vor allem die katholische, legt noch einen drauf und spricht von der Ehe als Sakrament, sozusagen in einem Atemzug mit Taufe und Abendmahl. Spricht also davon, dass Gott, der große Schöpfer und Erlöser, die letzte und tiefste Instanz der Welt, sich auch in der Ehe zeigt und anwesend ist! Also nochmal: Gott lässt sich nicht einschränken auf die „frommen Dinge“, auf Dome und Pfarrkirchen und Gottesdienste und Bibelkreise, wo sein Name sozusagen darauf gestempelt ist. Im Alltag des Lebens ist er da, im Alltag der Ehe, nicht weit von Esstischen, Kinderwiegen, Kochtöpfen, Rasenmähen - und selbst Ehebetten! Denn: Da, wo Liebe ist, wohnt Gott. Gott ist die Liebe: ihr „Erfinder“, ihr Weltmeister, ihr Ziel.


Schauen wir noch mal auf die Schmetterlinge: Sie haben Flügel. Sie können fliegen. Als meine Nichte heiratete, schrieb ihr jemand: „Wir wünschen Euch zweierlei: Wurzeln und Flügel!“ Ein schöner Wunsch: Wurzeln, beheimatet sein, nicht vom Wind und vom Leben hin und her getrieben. Wurzeln: verbunden mit der Familie, mit vielen befreundeten Menschen (die hier und heute Zeugen genannt werden, Trauzeugen), verwurzelt im Glauben, in Traditionen, in vielem, was uns Halt und Sicherheit gibt. Und dann dazu: Flügel. Fliegen - in den Himmel hinein! Hoch hinaus! Ins Neue, noch Unbekannte! Über alle Zäune, Mauern, Abgründe und Hindernisse hinweg. Durch die Liebe, durch die Ehe: weiter sehen, als wir allein sehen würden. Mit einem Himmelsblick „von oben“. Mit Gelassenheit, beschwingt, mit einem gewissen Abstand zu den Aufgeregtheiten des Tages, mit einem liebenden Blick. Ganz groß gesagt: mit der Blickrichtung Gottes, der in Liebe auf uns Menschen schaut.


Welche Verwandlungen so ein Schmetterling schon hinter sich hat! Welche Wandlungen Sie beide schon hinter sich und mehr noch vor sich haben! Der Schmetterling fängt ziemlich unansehnlich, ja unappetitlich an: als Raupe. Könnte man der Raupe sagen, sie würde zum Schmetterling werden, sie würde sich doch sehr wundern! Manchmal fallen wir in den Raupenzustand zurück, bewegen uns mühsam wie auf Stummelfüßen im Staub der Verpflichtungen und Sachzwänge. Keine Hoch-, sondern Tiefzeiten! Raupen suchen nur Fressbares, ihr Sinn geht auf Kohlköpfe. Der „Raupenhimmel“, ihr Sehnsuchtsort wäre vermutlich ein riesengroßes Kohlfeld!
Mit unseren Anwandlungen von Shopping, Kaufrausch, Habenwollen und Verehrung der Dinge haben wir uns noch nicht so riesig von der Raupenmentalität entfernt. Aber Gott hat uns sozusagen als Schmetterlinge gemeint und geschaffen, holt uns aus dem Raupendasein heraus, befähigt uns und lädt uns ein zu wirklichen „Flugleistungen“, die z.B. heißen: Glaube, Hoffnung, Liebe – diese drei; das Größte aber unter ihnen ist die Liebe“ (1 Kor 13, 13)


Schön, wenn die vielen Schmetterlingsbilder hier bei einer Hochzeit uns daran erinnern, „groß“ von uns und vom Anderen zu denken, seine Flügel zu stärken, das Raupenmäßige hinter sich zu lassen und in den Himmel zu fliegen. Das heißt: zu lieben!