Wie Schafe unter die Wölfe

Predigt am 03.07.2016

Werbung umgibt uns heute von allen Seiten: in Plakaten und Prospekten, im Werbefernsehen, im Internet – überall. Die gelungensten Sprüche kennt jeder! Aufdringlich oder suggestiv, unterschwellig kommt sie daher, mit hohen Werbekosten, mit hohem Materialeinsatz, mit ausgefeilten Strategien. Es ist schwer, sich ihr zu entziehen.


Auch Jesus hat geworben - für das Reich Gottes. Aber wie anders kommt sein Werbefeldzug daher! Er sendet 72 Jünger aus, sie sollen den Boden bereiten für ihn. Sie sind die Quartiermacher, die auf ihn hinweisen, zu ihm hin einladen, auf ihn neugierig machen. Er, Jesus, wird nachkommen, er wird in den Städten und Dörfern das Reich Gottes nahe bringen. Er selbst ist der eigentliche Bote und wird es immer sein. Ob es „zündet“, liegt nicht in unseren Händen.


Wie lässt sich sein Kommen vorbereiten? Fähnchen und Flugblätter verteilen? Plakate kleben? Eine große Bühne aufbauen? Nein, es wird geradezu eine Anti-Werbung! Wer da mitmachen will, muss schon starke Nerven haben. Oder besser: einen starken Glauben! Ein unbändiges Vertrauen!


Wie schickt Jesus die Jünger los? Er sagt: Nehmt keinen Geldbeutel mit, keine Vorratstasche und keine Schuhe! Ja, was sollen sie denn mitnehmen? Nichts, buchstäblich nichts! Nur das Evangelium. Nur ihr Berührt- und Begeistert-Sein von Jesus. Nur sich selber. Nur darauf kommt es an, sagt Jesus. Alles andere ist zweitrangig: der Koffer mit den Methoden, die Finanzen, die Gebäude. Darum: Nehmt nichts mit! Wenn man nichts mitnimmt als nur die Botschaft, kann man auch nichts Falsches und Ablenkendes mitschleppen.


Ja, was schleppen wir alles mit! Was häufen wir alles an! Ich z.B. habe Hunderte und Tausende von theologischen Büchern und bin froh darüber. Sie laden ein zum Glauben, erklären ihn und legen ihn dar. Aber kein einziges kann den Glauben in uns „entzünden“! Kein Mensch wird durch Bücher zum Christ!
Oder die Kirchen: die Peterskirche, der Kölner Dom. Sie und tausende andere stecken voll von großer Kunst, sind große Architektur, wahre Schätze. Aber wird durch sie und in ihnen auch nur einer gläubig? Das kommt woanders her: eher durch das Beispiel von Menschen, damals durch Worte und Taten der Jünger.
Und außerdem: Wenn man nichts mitnimmt, spürt man, wie man angewiesen ist auf andere. Für alles, für jeden Tag und jeden Schritt braucht man Vertrauen, Gottvertrauen. Man braucht z.B. die Gastfreundschaft anderer, sonst kommt man nicht weit. Man kann sich ja nicht auf Bankkonten und Versicherungen stützen.


Voll Vertrauen gingen die ersten Christen ihren Weg. Sie empfanden das Leben als ein Geschenk. Wenn sich alles gut fügte, war das nicht „ihr Werk“, es war ein Geschenk Gottes.


Geht hinaus, sagt Jesus. Und Papst Franziskus wiederholt es bald in jeder Predigt: Die Kirche muss hinaus und darf nicht um sich selber kreisen. Hinaus in fremde Milieus, die ihr nicht so vertraut sind: zu den Ausländern, zu den Flüchtlingen, zu den jungen Leuten, hinaus an die „Ränder“, hinaus an die „Hecken und Zäune“, wo einem kein roter Teppich ausgerollt wird, wo wirklich Diaspora ist, wo erstmal Fremdheit gespürt wird.


Bischof Paul Hinder, ein Schweizer Kapuzinerpater, ist seit Jahren der Bischof für die Christen in Arabien, besonders in Dubai und Abu Dhabi. Er hat ein Buch geschrieben über seine Erfahrungen. Die Christen, viele Hunderttausende, dürfen sich öffentlich nicht zeigen, sie haben in der muslimischen Kultur keine Macht und keinen Einfluss. Sie sind fast alle Gastarbeiter aus Indien und den Philippinen: Bauarbeiter oder Hausangestellte, fast immer arm und ungesichert. Aber fern von der Heimat und ihrer Familie empfinden sie die Kirche als ihre innere Heimat. Der Bischof schreibt: Was ich jetzt schon erlebe, wird bald eure Situation in Europa sein: eine Kirche ohne Macht, aber vielleicht ein Ort der Gastfreundschaft, des Willkommens und Gemeinschaft für viele, die darauf angewiesen sind.


„Ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe“, sagt Jesus. Das heißt: wehrlos, gewaltlos, unbewaffnet. Das ist alles andere als leicht, und darum haben sich die Schafe, die Christen, oft den Wölfen angepasst, haben sozusagen „mit den Wölfen geheult“ und waren nicht friedlicher als die Wölfe in der Welt. Wölfische Schafe aber bieten ein komisches Bild. Heute, wo die Christen nicht mehr an den „Drückern der Macht“ sind, fällt es leichter, sich wieder auf die Rolle des Schafes zu besinnen, an das „Lamm Gottes“ zu denken, das sich selber hingab. Die Jünger Jesu haben nichts zu verlieren, sie vertrauen auf die Kraft der Gewaltlosigkeit und des Friedenstiftens in einer unfriedlichen Welt. Denn das Reich Gottes ist ein Reich des Friedens, das mit keiner Waffengewalt verteidigt werden kann. Nur mit einer großen Überzeugung, tiefem Vertrauen und dem Einsatz der ganzen Person.


Eine gute Hilfe gibt Jesus mit: „Geht zu zweit!“ Als Einzelkämpfer seid ihr auf verlorenem Posten, da erreicht ihr nichts. Steht euch unterwegs gegenseitig bei. Die Sekten tun das, Mormonen oder Zeugen Jehovas kommen meist zu zweit, wir Christen haben das vergessen und rackern uns häufig allein ab, statt unsere Aufgaben gemeinsam zu zweit zu tragen. Dabei ist man doch schon zu zweit eine kleine Gemeinschaft - man kann den Frieden, den man bringen soll, zu zweit erst mal „ausprobieren“, vorleben, man kann zu zweit miteinander sprechen und beten und sich gegenseitig eine große Stütze sein.


Bitten wir Gott, dass er uns ermuntert und stärkt, damit wir uns auf den Weg machen, zur Arbeit in seiner Ernte. Die Ernte fährt man nicht hier in den Kirchen ein, sondern unterwegs, auf den Straßen, in den Häusern, bei den Leuten - als Quartiermacher für den Herrn des Lebens.