Für wen haltet ihr mich?

Predigt am 19.06.2016

„Jesus will keine Bewunderer; er braucht Nachfolger“, hat ein großer christlicher Denker, der Däne Sören Kierkegaard, einmal gesagt. Bewunderer schwärmen. Jeder Star, jeder große Fußballspieler kann ein Lied davon singen. Jesus wollte nicht bewundert und umschwärmt werden. Er wollte keine Fans. Ihm geht es um Nachfolge! Ihm geht es um Jünger und Zeugen des Evangeliums.

Wie kann man Jünger Jesu sein – im Jahr 2016?


Das Nachdenken darüber beginnt mit einer eher harmlosen Frage Jesu: „Für wen halten mich die Leute?“ Also: ein bisschen biblische Meinungsumfrage! Die Jünger geben ihren Eindruck wieder: Die Leute fühlen sich durch Jesus an Johannes den Täufer, an Elias oder an andere alte Propheten erinnert. Jesus wird hier eingeordnet in etwas, das schon bekannt ist, das schon einmal da war. Propheten – das kannten die Leute, die gab es immer wieder. Nach Meinung der Leute ist Jesus also „nichts anderes als ein Prophet“. So formulieren wir das gerne: nichts Anderes als. Das Typische, das Neue, noch nicht Dagewesene kommt so nicht in den Blick. Auch heute kann das so laufen: Jesus ist einer der großen Weisen in der Welt, sagt man dann. Ein Menschheitslehrer, ein Revolutionär, ein Friedensstifter, ein Mahatma Gandhi von damals. Aber ist es das schon?


Die zweite Runde in der Meinungsumfrage geht an die Jünger selbst: „Ihr aber, ihr Jünger, für wen haltet ihr mich?“

Geben wir die Frage weiter, an die Gläubigen heute, an Sie und mich. Stellen Sie sich vor, die Messdiener oder die Pfadfinder würden nach dieser Messe mit Mikrofon draußen stehen und die Frage Jesu an Sie weitergeben: Für wen halten Sie Jesus? Sie – ganz persönlich? Was würden Sie antworten?

Nach den ersten Schrecksekunden würde uns die Antwort wohl gar nicht so leicht fallen. Es ist für uns vielleicht ungewohnt, darüber zu sprechen! Vielleicht stellen sich zuerst Formeln ein, wie sie im Gottesdienst vorkommen: Sohn Gottes, oder Messias, und alles, was sonst im Glaubensbekenntnis steht. Die sind ja richtig, aber dahinter kann man sich leicht verstecken. Das ist ja noch keine persönliche Antwort! Für wen halte ich Jesus? „Dass er mich hält!“, sagt Lothar Zenetti, ein Pfarrer und Schriftsteller aus Frankfurt. Das ist eine persönliche Antwort, da steckt die eigene Erfahrung drin, dass der Glaube einen halten kann, wo alles sonst haltlos wird. Dass der Glaube trägt – auch über ganz dünnes Eis, auch über Abgründe hinweg, ja über den Tod hinaus.


Was ist das Einzigartige an Jesus Christus? Was zieht sich durch die Hunderte und Tausende von Messen, Predigten und anderen Impulsen durch, so dass ich sagen kann: Ja, das bist du für mich – das bist du wirklich für mich?

Wo kann unsere Antwort wachsen? Am Stammtisch nicht (bei dem, was alle sagen), und auch der Schreibtisch ist nicht der dafür geeignete Ort. Das Evangelium wird eingeleitet mit den Worten: „Jesus betete in der Einsamkeit, und seine Jünger waren bei ihm.“ Jesus war innerlich ganz bei Gott, seinem Vater, ohne Ablenkung, ohne Störung. Und an diesem Beten „in der Einsamkeit“ durften die Jünger teilhaben, sie durften sich von Jesus zu solchem Beten hinführen lassen. Sie haben es bei ihm gelernt; sie haben es bei ihm „abgeschaut“. Lukas will wohl sagen: Das Bekenntnis zu Jesus kann nur aus dem Gebet kommen. Im Gebet wird deutlich, dass Jesus für uns nicht eine große vergangene Gestalt aus dem Lexikon ist. Wir reden nicht über ihn, sondern zuallererst mit ihm. Und daraus wächst die Antwort.


Und daraus wächst die Nachfolge. Es reicht nicht, „Herr, Herr“ zu sagen. Es reicht nicht, lange Gebete aufzusagen und schöne Lieder zu singen. Jesus spitzt die Nachfolge zu: „Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach.“ Wer mein Jünger sein will, der drücke sich nicht an den Härten und Herausforderungen des Lebens vorbei, der drücke sich auch nicht am anderen vorbei - der nehme das Leben an, in Freude und Leid - und trage die Last des anderen mit. Er darf im Vertrauen leben, dass er nicht allein geht, dass er gehalten wird. Und er darf wissen, dass sein Kreuz - und alle Schwierigkeiten - der Einstieg sind ins österliche Licht. So etwa könnte man die Konsequenzen der Nachfolge beschreiben. Manche leben diese Konsequenzen sehr deutlich, mit allem Herzblut, ganz radikal.

Es sind z.B. die Heiligen. Es sind Menschen wie Rupert Neudeck, der vor kurzem starb. Unermüdlich und unbürokratisch hat er, fast im Alleingang, Hunderttausenden Notleidenden in aller Welt geholfen. Und es gibt unzählige Menschen, die einfach da, wo Gott sie hingestellt hat, an ihrem Arbeitsplatz, in ihrer Nachbarschaft, in ihren Familien versuchen, ihren Glauben zu leben. Hilfsbereit, liebevoll, aufmerksam, großzügig: so gehen sie ihren Weg mit Christus. Den Weg der Nachfolge.


Ich habe mit Kierkegaard begonnen: Jesus will keine Bewunderer; er braucht Nach-folger. Und so fährt der dänische Denker fort:
„Die Bewunderer rühmen die großen Taten Jesu in der Welt von damals.
Die Nachfolger wissen, dass Jesus in der Welt von heute ankommen und anwesend sein will.
Die Bewunderer gehen einer letzten Entscheidung für Jesus geschickt aus dem Weg.
Sie fragen: Was habe ich von Jesus?
Die Nachfolger fragen: Was hat Jesus von mir?
Die Bewunderer sonnen sich gern im Glanz Jesu.
Die Nachfolger wenden sich gern dem Elend der Welt zu.
Nein! Jesus will keine Bewunderer, auf die kann er verzichten. Auf Nachfolger nicht.“