Die Sünderin, das Öl, Simon und Jesus

Predigt am 12.06.2016

Hier in unserem Evangelium fließen Tränen. Kommen die uns auch manchmal - aus Wut oder Freude, oder aus Rührung, oder aus Trauer? Viele unterdrücken die Tränen. Sätze aus der Kindheit klingen ihnen noch im Ohr: Hör auf zu heulen. Oder, für Jungen: Ein Junge weint nicht; ein Indianer kennt keinen Schmerz! Aber Mädchen, die weinten, hatten es auch nicht viel besser: Alte Heulsuse, hieß es da.

Heute ist cool sein angesagt. Gefühle zeigt man nicht. Das ist geradezu unfein. Tränen gehören ins Badezimmer, wo man allein ist und sich hinterher wieder richten kann. Aber in der Öffentlichkeit, vor aller Augen? Da gilt: bloß keine Schwäche zeigen! Sich nicht angreifbar machen. Bloß nicht als Versager dastehen! Reiß dich also zusammen. Tränen sind ein Zeichen von Schwäche. Ein Politiker, der mit Trä-nen erwischt wird, gilt als Weichei. Der hat keine starken Nerven. Der taugt nicht fürs harte Geschäft.

In anderen Kulturen ist das anders. Da lässt man den Gefühlen freien Lauf. Da trauert man Herz zerreißend. Da weint man hemmungslos. Da schäumt aber auch die Lebensfreude über.

So auch in der Bibel. Eine Frau, die Schwäche zeigt, steht heute im Mittelpunkt. Was macht sie? Sie salbt Jesus die Füße, küsst ihn, bricht in Tränen aus, trocknet seine Füße mit ihren Haaren. Beim Lesen und Hören denke ich: So was macht man doch nicht! Da wird eine Grenze überschritten! Gott, wie wäre das peinlich, wenn in einer Gemeindeveranstaltung jemand mit seinen langen Haaren über meine Füße fährt. Und alle hätten gleich ihr Urteil parat: eine Hysterikerin, eine, die in Behandlung gehört.

So was geht nicht bei uns. Aber auch damals wirkt dieser Auftritt äußerst befremdlich. Der Gastgeber, Simon, der Schriftgelehrte, ist entsetzt! Endlich hat er Jesus in seinem Haus zu Gast. Da könnte man doch mit diesem Jesus fachsimpeln oder streiten, je nachdem. Eine interessante Diskussion erhofft sich Simon, theologische Fachgespräche, tiefe Gedanken über Gott. Die Männer würden wie üblich unter sich sein. Eine Herrenrunde über den lieben Gott! Und dann dringt ausgerechnet diese Frau in die edle Gesellschaft ein! Das Gespräch verstummt, alle machen Stielaugen. Und es gibt ja wirklich was zu sehen: Tränen und Küsse und duftendes Salböl - geradezu verschwenderisch - und lange Haare als Trockentuch. Und eine Frau, die man wohl als Prostituierte vermuten darf. Die taucht normalerweise nicht auf bei Treffen von Schriftgelehrten oder heute bei Bischofskonferenzen! Ein kleiner Skandal! Diese Frau setzt offensichtlich alles auf eine Karte: sie investiert alles, was sie hat: teures Salböl - und ein Verhalten, das die üblichen Grenzen überspringt.

Was aber will sie? Warum weint sie? Sie hat wohl von Jesus gehört und spürt: Da ist einer, der mich ernst nimmt und mich nicht wie die anderen Männer behandelt. Er sieht mich an. In seinem Blick liegt nichts Ablehnendes. Er lässt zu, was ich da tue. Und wie er von Gott spricht! Da klingt nichts durch von einem, der mich in die Hölle schickt. Der verurteilt nicht. Hat er nicht erst vor kurzem eine Ehebrecherin vor der Steinigung bewahrt? Vielleicht ist heute ein ganz großer Tag für mich. Nicht das Übliche. Sondern ein neuer Anfang! Ich spüre da, bei diesem Jesus, ein ganz großes Herz!

Und damit nicht genug. Jesus verteidigt die Frau in dieser hochmoralischen Runde. Auch er spürt bei ihr eine große, ja verschwenderische Liebe und sagt mit sehr einfachen Worten: „Sie hat viel Liebe gezeigt!“ Der Gastgeber Simon dagegen, der fromme Pharisäer, ist ganz überfordert von dieser heiklen Begegnung und will sich dagegen nur abschotten und wehren und Grenzen hochhalten. Dafür bekommt er von Jesus noch einen drauf! Man möchte ihn fast beschützen angesichts des Ärgernisses mit dieser Frau, bei dem wir doch wohl alle tief Luft holen müssten. Jesus sagt: „Du warst als Gastgeber nicht besonders, kamst nicht mit Wasser zum Füße waschen, kamst nicht mit Öl!“ Die Frau, die das alles gibt, ist plötzlich in der Rolle der wirklichen Gastgeberin. Sie füllt die Rolle aus - aus Liebe. Und so wird ihr der erhoffte neue Anfang geschenkt: „Deine Sünden sind dir vergeben. Das, was du in deinem unruhigen Leben wirklich gesucht hast, hast du jetzt gefunden! Du kannst nun in innerem Frieden leben!“

Da treffen also zwei zusammen, die über Grenzen gehen. Eine Frau, die ihre innere Bedürftigkeit und ihr Herz offen zeigt. Und ein Mann, Jesus, der nicht nur hier in dieser Geschichte, sondern ständig offenbart: Gott ist der große Grenzüberschreiter. Er kommt auf uns Menschen zu. Er kommt auf mich zu. Auch wenn ich im Sumpf und im Mist stecke. Er rümpft die Nase nicht. Und wir sollten es auch nicht tun.