Steh auf! Der Jüngling von Nain

Predigt am 05.06.2016

Da hatte eine Mutter ihren einzigen Sohn verloren. Eine Witwe. Mann tot, Sohn tot! Wahrscheinlich war er ihr „Ein und alles“ – das einzige, was ihr geblieben war! Vielleicht hatte sie ihn verwöhnt, ohne es zu merken, ihn an sich gebunden und innerlich abhängig gemacht. Vielleicht konnte er nie richtig erwachsen werden - im „Hotel Mama“, wie man heute gern sagt. So deuten viele Bibelausleger das gerne - sie deuten es psychologisch. Sie schreiben, dass der junge Mann sozusagen „innerlich“, in seiner Kreativität, Lebendigkeit und Selbstständigkeit „abgestorben“, tot war und von Jesus ins Leben zurückgeholt wird: „Steh auf! Wach auf! Runter von der Bahre! Geh mit deinen eigenen Füßen! Nimm dein Leben in die eigene Regie! Wage zu leben!“

Das ist ein durchaus bedenkenswerter Vorschlag. Wir können keine wirklich Toten erwecken, aber wir können Jesu Wort auch heute weitergeben: Steh auf! Wir können unsere Hand ausstrecken und beim Aufstehen helfen. Ich erlebe das zurzeit hautnah im Umgang mit Flüchtlingen. Sie warten auf ihre Anerkennung - oft zwei Jahre lang. Sie dürfen in der Zeit nicht arbeiten. Das ist für sie sehr lähmend, sehr langweilig. Sie schlafen viel, tagsüber, und verschlafen viel. Was sollen sie auch machen? Niemand scheint sie zu brauchen, niemand zeigt ihnen, dass sie gebraucht werden. Manchmal besuche ich sie in ihrem 5-Betten-Raum, sage: Kommt, steht auf (ganz buchstäblich!), und mache mit ihnen einen Ausflug, eine Tour. (Gestern waren sie mit dabei bei der Gemeindewallfahrt). Das sind nur kleine Schritte, aber sie führen aus der Lähmung heraus - kurzzeitig und hoffentlich immer mehr langfristig.

So viele andere junge Leute liegen auf der Nase. Mich beunruhigt sehr die riesige Zahl junger Arbeitsloser in vielen Ländern Europas: gut ausgebildete Leute, die keine Arbeit finden. 40, 50% in Spanien, in Griechenland, in manchen anderen Ländern. 50%! Sie können gar nicht aus dem „Hotel Mama“ heraus, die Familie füttert sie sozusagen durch. Sie verhungern nicht, aber zu einem selbstständigen und selbstbestimmten Menschen wird man so nicht. Das biblische Städtchen Nain und unsere heutigen Städte liegen nah beieinander.

Im Evangelium begegnen sich nun zwei Züge, zwei Prozessionen. Stellen wir uns das bildlich vor: Der Leichenzug mit der Witwe, dem toten Sohn, den traditionellen „Klageweibern“ und Flötenspielern und vielen Trauernden will aus der Stadt heraus, wo das Leben ist. Friedhöfe lagen immer außerhalb, alles muss schnell gehen - wegen der Hitze und Hygiene. Man ist schon beim Stadttor, der Grenzlinie zwischen draußen und drinnen. Da kommt der zweite Zug, von außen: Jesus, seine Jünger, eine große Menschenmenge. Es ist der Zug des Lebens! Jesus will in die Stadt hinein, er will sein Leben in die Stadt hineinbringen. Beide Züge treffen aufeinander: Tod und Leben. Sie weichen einander nicht aus. Der Zug des Lebens mit dem Anführer Jesus bringt den Zug des Todes zum Stehen.

Zwei kurze, fast barsche Befehle sind von Jesus zu hören. An die Mutter: „Weine nicht!“ Wie das denn? Wie soll sie denn nicht weinen? Die Frau ohne Mann und Sohn ist jetzt einsam und allein, stürzt sozial ab in die Armut, ist schutz- und mittellos. In damaligen Zeiten sprang keine Versicherung und keine Rente ein. Wenn man alt wurde, waren die Kinder „dran“. Also: ein Unglück, das nicht in Worte zu fassen ist!

Jesus sieht und spürt das alles. Mitleid, das waren für ihn nicht schöne Worte. Das war nicht: eine mitleidige Miene aufsetzen und den anderen bedauern. Dieses Elend traf ihn ins Herz. Eines steht fest: er ist der Frau nicht ausgewichen.
Das gibt es ja häufig. Wenn jemand trauert, weil ein naher Angehöriger gestorben ist, dann wechseln manche Leute die Straßenseite, weichen aus. Sie sind verlegen und hilflos, sie wissen nicht, was sie sagen sollen. Jesus floh niemals vor den Leidenden und Traurigen. Er ging darauf zu – mit seiner Liebe, mit seinem Herzen, mit seinem Denken und Fühlen. Aber auch der Sohn Gottes wird sich oft genug sehr hilflos gefühlt haben.

Jesus wich nicht aus. Er war ganz da. Die Not ging ihm „unter die Haut“. Wir Christen sind in diesem „Jahr der Barmherzigkeit“ zur Haltung Jesu gerufen: dem Mit-leiden, der Solidarität, der tätigen Hilfe. Die Überschwemmungskatastrophe in diesen Tagen in Bayern zeigt, dass diese Hilfe doch sehr lebendig ist in unserem Land. Menschen räumen gemeinsam wieder auf. Man mag daran zweifeln, ob wir noch ein christliches Land sind, aber die Werte Jesu - Nächstenliebe, Teilen, Not lindern - sind da und werden, wo sie in ruhigen Verhältnissen „eingeschlafen sind“, wieder wach und aufgeweckt.

Der andere Satz Jesu geht an den Sohn: „Junger Mann, ich befehle dir: Steh auf!“ Und Jesus gab ihn seiner Mutter zurück. Ein schönes Bild! Der junge Mann bleibt seiner Mutter treu, stützt sie und bleibt in Gemeinschaft mit ihr. Doch anders, auf einer neuen Ebene: frei, ohne von der Bindung gelähmt zu werden. Nicht mehr das Mutterkind, das umsorgt und gegängelt wird, sondern der erwachsene Mensch („der junge Mann“), der ins eigene Leben gerufen ist.

Wenn wir das doch tun könnten, das Wort Jesu mitzusprechen: Steht auf! Wenn es doch viele Hände gäbe, die hingehalten werden und beim Aufstehen helfen. Wir können hier und da dabei sein. Und auch die gefalteten Hände können vieles bewirken. Unser Gebet sollte nicht nur für die eigene Familie eintreten, sondern für alle, die am eigenen Leben gehindert sind, für alle, die innerlich absterben und nie zur Blüte und Entfaltung kommen.

Die Totenerweckung, wie sie im Evangelium erzählt ist, mag uns sehr fremd sein. Aber dass Jesus neues Leben brachte und zu Ostern selber erfuhr - das Leben in Fülle -, und dass er es den anderen, gerade den Armen und Leidenden, mit offens-tem Herzen weitergab, das ist der Kern unseres Glaubens!