Sprich nur ein Wort ...

Predigt am 29.05.2016

Ich habe einige ganz private „Helden“ im Evangelium, die mich mächtig beeindrucken. Einer dieser Helden ist der Hauptmann, von dem gerade die Rede war. Soldaten kommen ja nicht immer gut weg in der Bibel: oft sind sie brutal oder korrupt und unterdrücken die Menschen. Dieser Hauptmann ist von anderem Schlag. Er demonstriert nicht Härte, sondern zeigt Herz. Sein kranker Diener liegt ihm am Herzen. Und die ganze Stadt Kafarnaum liegt ihm am Herzen: er hat dort sogar eine Synagoge gestiftet. Die Leute mögen ihn, sie schätzen seine Freigebigkeit und Fürsorge. Sie sagen: Er hat es verdient, dass man seine Bitte erfüllt! Ja, er hat es verdient.

Aber der Hauptmann selber schätzt sich ganz anders ein: Herr, ich bin nicht würdig, dass du mein Haus betrittst! Diesen Satz kennen wir alle, wir sagen ihn vor jeder Kommunion: Herr, ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter mein Dach ...

Es ist gut, dass wir das immer wieder sagen. Nicht, um uns wertlos und klein zu reden: das würde uns innerlich eher krankmachen. Sondern, um uns vor der Gedankenlosigkeit und reinen Routine zu bewahren. „Die Hostie ist leichter zu schlucken als das Evangelium“, hat der christliche Schriftsteller Joseph Bernhart einmal gesagt. Ja, so ist es: Die Hostie ist in der Tat sehr leicht zu „schlucken“, man muss nur nach vorn kommen und die Hand oder den Mund aufhalten. Man kann das sehr bewusst oder auch sehr gewohnheitsmäßig tun, mit sehr bereitem Herzen oder einem Herzen, das ganz unbeteiligt bleibt. Jedenfalls „schlucken“ wir nicht irgendetwas, eine Sache, ein Andenken, sondern wir begegnen in der heiligen Kommunion einer Person: Jesus Christus selber. Ihn empfangen wir - und mit ihm sein Evangelium, seine Botschaft, das, wofür er steht und einsteht. Und das ist viel schwerer „zu schlucken“! Nicht wie ein süßer Brei, wie ein Likör, der einfach hinunterläuft! Eher wie ein Brocken, an dem wir echt zu kauen haben. Wenn wir das Evangelium kauen und schlucken und in uns verdauen, dann verändert es uns. Dann leben wir anders. Dann passiert Umkehr. Genau vor unserer heutigen Geschichte steht die Feldrede Jesu. Ich zitiere fast wahllos ein paar Sätze daraus:

Selig, ihr Armen. Euch gehört das Reich Gottes.
Liebt eure Feinde. Tut denen Gutes, die euch hassen.
Verurteilt andere nicht.
Zieh den Balken aus deinem Auge, und reg dich nicht auf über den Splitter im Auge des anderen.

Nicht wahr, das ist nicht Likör oder Honig oder eine süße Pille! Das ist harte Kost. Das ist Salz, das die Würze ins Leben gibt, das vor Fäulnis bewahrt, das auch in uns brennen kann.

Kommen wir zurück zum Hauptmann: Der steht diesen Worten Jesu ganz nah. Der glaubt! Der vertraut ihm! Und dabei gehört er gar nicht zum Volk Gottes. Er kommt „von draußen“. In Kafarnaum gab es eine Kaserne des jüdischen Königs Herodes Antipas, da taten auch Soldaten, Söldner, aus anderen Völkern Dienst. Die waren von Israel aus gesehen Heiden, genauso wie die Römer. Aber unter den Heiden gab es nicht wenige, die sich vom klaren Glauben Israels an den einen Gott angezogen fühlten. Man würde heute vielleicht sagen: Sie waren „Sympathisanten“. Damals nannte man sie „Gottesfürchtige“. Sie gehörten nicht dazu, aber waren nah dran: nahmen am jüdischen Gottesdienst teil, lebten nach Gottes Geboten. Und so einer war dieser Hauptmann. Als Nichtjude galt er gleichwohl als „unrein“, als tabu; ein Jude durfte sein Haus nicht betreten. Das ist vor allem gemeint, wenn er zu Jesus sagt: „Ich bin nicht würdig, dass du eintrittst unter mein Dach.“ So weit geht seine Zurückhaltung, dass er gar nicht selber vor Jesus hintritt, sondern jüdische Freunde vorschickt, die ein gutes Wort einlegen, die sozusagen Fürbitte halten für ihn und sein Anliegen. Er bittet um eine Fernheilung! Vielleicht hat er selber währenddessen am Krankenbett des Dieners gesessen, hat gehofft und gebangt.

Stellen Sie sich das mal aktuell und konkret vor: Da käme also einer von draußen in unsere Mitte, ist nicht getauft, ist nicht religiös erzogen, kennt den Katechismus nicht, weiß auch nicht, wie unser Bischof oder Pfarrer heißt. Aber er hat eine Sehnsucht nach Gott, er vertraut, er hofft auf Heilung und Wunder. Und Jesus würde sagen: Einen solchen Glauben habe ich unter den Christen nicht gefunden! Vielleicht merken Sie den Sprengsatz in der alten Geschichte. Das eigene Volk Jesu, das ihn ja nicht gerade mit offenen Armen empfängt, muss sich sagen lassen: Woanders ist der Glaube oft stärker. Draußen, in der Heidenwelt, wirkt Gott auch, und jetzt vielleicht noch mehr! Der Glaube ist schon da im anderen, beim anderen!

Liebe Schwestern und Brüder, wie der Hauptmann sprechen wir: „Herr, ich bin nicht würdig.“ Ja, das gilt für uns alle. Und dann kommt ein großes „Aber“: Aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund! Der Wert, die Würdigkeit kommt nicht aus uns, aus unseren Verdiensten, aus unserer Leistung, aus unserer Moral und „weißen Weste“. Sie kommt, wie ein Geschenk, von Jesus. Auf Augenhöhe spricht er sie uns zu. Er macht uns würdig. Und zwar alle. Auch die von „draußen“, die ohne Gebetbuch. Nur eines ist wichtig: das Geschenk anzunehmen - und auszupacken! Und immer wieder dafür zu danken. Wie wir jetzt, hier und heute.