Türöffner Geist

Pfingsten 15. Mai 2016

Komm, Heiliger Geist! - Wann wünsche ich mir den Heiligen Geist herbei? Wenn alles leblos ist und langweilig, dass man einschlafen möchte, dann denke ich: Komm, Heiliger Geist, bring Leben und etwas Begeisterung in diesen toten Haufen.

Wenn die zündende Idee fehlt und alles in ausgelatschten Gleisen läuft, die niemanden mehr aufregen, dann denke ich: Komm, Heiliger Geist, entzünde du jetzt ein Feuer. Bring den Funken ein, der jetzt gebraucht wird.

Wenn ich selber „von allen guten Geistern verlassen bin“, ich den Boden unter mir verliere und nur noch Chaos in mir spüre, dann denke ich: Komm, Heiliger Geist, sorge du für den Durchblick.

Wenn Angst den Blick eng macht und alle mutlos sind und sagen: Das klappt doch sowieso nicht, und es geht ja doch alles den Bach herunter – dann denke ich: Komm, Heiliger Geist, hol uns aus der Sackgasse raus, führ uns hinaus ins Weite.

Wenn wir nur um uns selber kreisen und z.B. in den Kirchen hauptsächlich mit Finanzen und Strukturen beschäftigt sind und gar nicht mehr zu den wirklichen Fragen kommen - dem Glauben in dieser Zeit -, dann denke ich: Komm, Heiliger Geist, und heiz uns ein mit deinen Feuerzungen, mach uns „Feuer unterm Hintern“, damit wir nicht in Sitzungen und Papieren und geistlosem Gerede versacken.

Wenn wir uns gegenseitig „auf den Geist gehen“ und der eine den anderen nicht mehr versteht und nicht mehr verstehen will, dann denke ich: Komm, Heiliger Geist, und mach wieder ein Sprachenwunder, damit die Leute sich wieder verstehen.

Wenn wir den Heiligen Geist nur als ein frommes Wort betrachten - gerade mal gut fürs Pfingstfest, für Firmungen und für die Dreifaltigkeit - dann denke ich: Komm, Heiliger Geist, zeig deine Kraft, deine Power - zeig, dass du wirklich bist, dass du lebendig bist, - dass wir wieder mit dir rechnen.


Liebe Schwestern und Brüder, Sie sehen, ich habe Grund und Anlass genug, den Heiligen Geist oft herbeizuwünschen. Ich denke, sage, bete oft: Komm! Du musst jetzt kommen!
Was mich besonders stört, ist der letzte Punkt von gerade: der mit der frommen Vokabel. Der Heilige Geist ist uns dann so „heilig“, so weit weg, so abstrakt, nur noch der „Katechismusheiligegeist“, der uns eigentlich kaum betrifft, so dass wir gar nicht merken, wenn er kommt und wie er kommt. Nicht immer mit großem Brausen. Nicht bloß auf Weltjugendtagen und mit dem Auftreten von Papst Franziskus, gar nicht mal unbedingt in den Räumen der Religion. Er weht, wo er will und wann er will. Er weht manchmal heftig und oft sehr diskret und leise. Oft in dem, was das Konzil die „Zeichen der Zeit“ genannt hat. Zum Beispiel im Einsatz für die Schöpfung, für die Menschenrechte, für benachteiligte Menschen, im Verzicht auf Habgier, auf ständiges Habenwollen. In der Suche nach Spiritualität, nach Gott.

Erkennbar ist der Geist an seinen Wirkungen. Ein Beispiel für heftiges Wirken: Ein Mann, Kirchgänger und aktiv in der Gemeinde, gerät in eine schwere Lebenskrise. In dieser Krise erkennt er, dass Gott - sein Gott - eigentlich nur ein Gott für den Sonntagmorgen war. Er merkt, dass er nie mit ganzem Herzen gebetet hat, nie wirklich vertraut hat, nie nach dem Willen Gottes für sein Leben gefragt hat. Jetzt erst „erwacht“ Gott richtig in ihm. Durch eine leidvolle Krise hindurch! „Danach,“ so erzählt er später, „war mein Glaube ganz anders. Er war wirklich geworden, es war etwas in mir geöffnet, aufgeschlossen worden!“ Ich glaube, der große Öffner unse-res Herzens, der große Türöffner unseres Inneren ist der Heilige Geist. Wir können das nicht selber machen, es geschieht an uns. Manchmal lehrt er uns, die richtigen Fragen an das Leben zu stellen und zwischen Wesentlichem und Nebensächlichem deutlicher zu unterscheiden.

Der Geist Gottes also der große Türöffner. Damals wurde den Jüngern eine Kraft, eine „Power“ und Zuversicht geschenkt, die sie bis an die Enden der Erde drängte. Das „mit den verschlossenen Türen“ war vorbei, mit der Angst, die sie einschloss. Und sie rissen sozusagen die Türen und Fenster auf - hin zur Welt, hin zu den an-deren! Einer der Jünger, Thomas, findet sich später in Indien. Paulus, der zu Pfingsten noch nicht dabei war, danach aber umso heftiger vom Geist Gottes gepackt wird, reist durch die ganze Welt bis nach Spanien. Er vor allem öffnet die Tür in die Welt der Heiden - als Werkzeug des hl. Geistes, wie er immer wieder betont.

Der Geist Gottes öffnet Türen und führt uns hinaus ins Weite. Pfingsten: das ist nicht nur vor fast 2000 Jahren einmal gewesen - es ist ein Prozess, der durch die Geschichte geht, auch heute, auch bei uns.

Nun sind wir nicht Paulus oder Thomas, und die Begeisterung des Anfangs stellt sich heute anders dar. Die Christenheit ist irgendwie müde geworden. Kein Wunder in so langer Zeit! Und dennoch! „Der Rausch der Verzückung muss es nicht sein, Jubel und Gestikulieren,“ dichtete Lothar Zenetti. „Doch gib uns den Geist, deinen heiligen Geist, dass wir den Mut nicht verlieren.“

Ich denke, immer wieder öffnet der Heilige Geist leise Türen, die sonst verschlossen bleiben:
Türen in einem selbst: Ich fühle mich nicht mehr wie zugesperrt, ich kreise nicht mehr ständig um mich selbst, ich sehe Neuland und Weite.
Türen zu den Anderen: Ich höre hin und werde gehört. Ich verstehe und werde verstanden. Auch die „fremden Sprachen“ der Flüchtlinge und Ausländer müssen nicht mehr trennen, weil das „Herz“ sich über die Sprachgrenzen hinweg ausdrücken kann.
Türen zu Gott: Wenn der Geist kommt und ich mich für ihn öffne, wird Gott lebendig in mir, ich bete dann gerne, und es ist mir wichtig, den Glauben zu teilen und anderen mitzuteilen. Ich höre auf, ein bloßer Kunde oder Konsument des Glaubens zu sein. Ich spüre Verantwortung und werde ein Mit-Täter des Glaubens.

Liebe Schwestern und Brüder, Pfingsten ist alles andere als ein Ausflug- und Ausschlaftag. Es ist ein Tag zum Munterwerden, zum Wachwerden, zum Mündigwerden im Glauben. Einmal gefirmt zu sein ist dafür nicht genug. Wach und „firm“ in dieser Welt zu leben, geistesgegenwärtig, das ist mein pfingstlicher Wunsch für uns alle!