Vater, Sohn und Geist

Dreifaltigkeitssonntag - 22./ 23.5.2016

Da sind Arbeitskollegen – ein Christ und ein Muslim nebeneinander. Manchmal kommen sie auf Religion zu sprechen. Dafür sorgt immer der Muslim. Der Christ hält sich eher bedeckt. Er weiß: Er kennt sich nicht wirklich aus. Der Christ sagt: „Ist doch egal! Wir haben doch alle denselben Gott!" „Was?", ruft der Muslim aus, fast empört: „Ihr habt doch drei Götter!"
Der Muslim spielt auf die Dreifaltigkeit an: Vater, Sohn und Heiliger Geist. Drei Götter! Der Christ weiß darauf nichts zu sagen. Er hat das nie verstanden – mit der Dreifaltigkeit. Die Kirche sagt ja selber: Ein Geheimnis! Nicht zu begreifen! Aber dann sagt die Kirche noch: Wir leben aus diesem Geheimnis! Es ist ganz wichtig! Es ist kein Randthema für uns! Es ist der Kernpunkt des Christlichen!
Wie ist das mit den Religionen? Sie glauben entweder nur an einen einzigen Gott, oder sie glauben an viele Götter – wie die Hindus oder die alten Ägypter und Griechen. Entweder - oder! Am meisten macht wirklich heute von sich reden der Islam. Wie das Judentum kommt er aus der Wüste. Ein Gott wird in der Wüste geglaubt - ein Gott, der allein wahr ist, der allein Gehorsam fordern darf - der keine fremden Götter neben sich duldet. Kritiker meinen, dass ein solcher Glauben zu Intoleranz, zu Rechthaberei und Gewalt führen würde. Andere Glaubensarten gelten dann als falsch, als unwahr, als Gegner, die man bekämpfen und bekehren muss. Gott erscheint da als ein „eifersüchtiger" Gott, der sich abgrenzt und zum Kampf gegen die „Ungläubigen" ruft. Ein strenger Monotheismus! Alles, was mit „mono" beginnt, so sagen die Kritiker weiter, ist heute überholt: Die Monarchie, d.h. die Herrschaft eines Einzelnen, etwa eines Kaisers. Stattdessen zählt Demokratie. Der Monolog, die Dauerrede eines Einzelnen. Stattdessen suchen wir den Dialog. Und dann eben auch der strenge Monotheismus. Stattdessen - ja, was - stattdessen?
Wir Christen sagen: Stattdessen der Glaube an den Dreifaltigen Gott! Ein Gott in drei Personen, zwischen denen Liebe fließt. Beziehung, engste Gemeinschaft ist da! Einer beziehungsarmen und oft liebeleeren Welt wird damit ein liebevoller Gott vorgestellt. Dreifaltigkeit - das ist kein überholter Begriff der Vergangenheit - im Gegenteil! Es sagt: Wir sollten uns Gott nicht vorstellen wie einen unnahbaren, einsamen Monarchen auf seinem Thron! Er ist – bildlich gesprochen – nicht einsam und nur für sich selber lebend wie ein alter Witwer oder Junggeselle in dem viel zu groß gewordenen Haus – nein, er lebt sozusagen in „Wohngemeinschaft". Ein „geselliger Gott": Vater, Sohn, Geist. Vielfalt ist da, Bewegung, überfließende Liebe. Diese Wohngemeinschaft ist der Himmel. Ich hoffe, da – nach meinem Tod – auch einziehen zu dürfen in diese große WG. Als Hölle stelle ich mir dagegen völlige Lieblosigkeit und radikale Einsamkeit vor.
Mit jedem Kreuzzeichen, mit jedem Gebetsanfang treten wir an „im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes". Jesus schickt die Jünger aus und sagt ihnen, sie sollten taufen in diesem Namen. Die Kirche hat dann ein paar Jahrhunderte gebraucht, um weiterzudenken, was das heißt: ein Gott, aber in drei Personen. Sie hat sich damit tief ins göttliche Geheimnis hineingedacht, hat sich auf Worte Jesu gestützt, wie sie vor allem bei Johannes vorkommen, etwa: „Ich und der Vater sind eins." Der Sohn - Jesus Christus - ist nicht nur ein Prophet oder ein religiöses Genie - er ist eins mit dem Vater! Welcher Mensch sonst könnte das von sich behaupten?
Kommunion, Gemeinschaft, Vielfalt - das ist nach Gottes Art. Gott ist Liebe, weiß die Bibel: Liebe, die sich mitteilt, die aus sich herausgeht, die sich dann verströmt in die Schöpfung hinein. Warum hat Gott eigentlich die Welt erschaffen? Die Kirchenväter sagten: Es gibt die Welt, weil Gott ein Gegenüber wollte, das er lieben kann. Wie geht denn lieben, wenn kein Gegenüber da ist, wenn nichts und niemand da ist, den man lieben kann? Und so hat Gott uns Menschen in einen Bund der Liebe, in eine Freundschaft gerufen.
Das wird mir immer ganz bewusst bei den Trauungen und Hochzeiten in der Kirche: Gott ist der Erfinder und der „Weltmeister" der Liebe. Er ist das Modell. Er, der dreifaltige Gott. Wir sind sein Ebenbild: nicht geschaffen und gemeint als einsame, abgekapselte, in sich verschlossene Einzelkämpfer, jeder nur für sich. Wir sind geschaffen - füreinander und miteinander! Ohne die Anderen könnte ich nicht sein. Ohne die Liebe würde keiner von uns existieren. Dazu gehört auch, dass man den Anderen in seinem Anderssein respektieren kann. Wenn alle gleich wären - wie schrecklich! Dann brauchte keiner den anderen - der Mann nicht die Frau und die Frau nicht den Mann. Erst der „Andere" kann uns ergänzen und herausfordern und korrigieren. Und so entsteht eine Einheit unter den Verschiedenen: in großer Vielfalt, im Miteinander, im Austausch - so ist es in der Familie, so ist es in der Kirche, so ist es in der Ökumene. Überall wirkt das göttliche dreifaltige Modell der Liebe weiter.
„Malt ein Bild von Gott," bittet der Religionslehrer in der Grundschule. „Kann ich nicht", sagt ein Junge, „ich habe keinen Goldstift dabei!" „Ich nehme alle Farben", meint ein Mädchen, „ganz bunt soll das Bild werden." Ein buntes, vielfältiges, „dreifaltiges" Bild. Nicht bloß der Goldstift, sondern der ganze Farbkasten. Vielleicht ist unser persönliches Gottesbild nicht so vielfarbig, sondern mit dem Goldstift des Glanzes gemalt oder in Schwarz-Weiß gehalten. Aber der Geist der Wahrheit hat seine Wege, uns „in die ganze Wahrheit zu führen".