Gute Arbeit

Predigt am Tag der Arbeit 01.05.2016

Stellen Sie sich diese Stellenanzeige vor:

Wir suchen einen zuverlässigen Mitarbeiter für unsere Produktion. Eine Einarbeitungszeit können wir Ihnen nicht gewähren. Sie werden über unsere ausgegliederte Leiharbeiterfirma angestellt.
Ihr Arbeitsvertrag ist befristet. Der Stundenlohn beträgt 7.- Euro die Stunde. Wir erwarten eine flexible Verfügbarkeit rund um die Uhr. Machen Sie in Ihrer Bewerbung ausführliche Angaben über Ihren Leistungs- und Gesundheitszustand. An Bewerbungen von Personen älter als 40 Jahre sind wir nicht interessiert.
Ein gewerkschaftliches Engagement wird nicht zugelassen.


Ist das die Wirklichkeit? Eine solche Stellenanzeige wird man in den Tageszeitungen nicht finden. Und doch ist sie nicht aus der Luft gegriffen. Für immer mehr Beschäftigte oder Ar-beitssuchende kommt diese Anzeige der Realität sehr nahe.

Denn: Der Druck auf die Beschäftigten in der Arbeitswelt ist in den letzten Jahren enorm gestiegen. Das erfahren die arbeitenden Menschen tagtäglich hautnah. Gute Arbeitsplätze sind auf dem Rückzug. Prekäre, ungeschützte Beschäftigungsverhältnisse dagegen sind auf dem Vormarsch. So nimmt die Leih- und Zeitarbeit drastisch zu. Belegschaften zweiter Klasse sind entstanden, häufig Menschen aus dem Ausland, jederzeit kündbar oder ersetzbar, oft deutlich geringer entlohnt.

Befristungen über Jahre sind heute gang und gäbe – dass junge Leute ihr Leben planen können, eine Familie gründen können, rückt oft in weite Ferne.

Viele hangeln sich in den ersten Berufsjahren von einem Praktikum zum nächsten - die sogenannte „Generation Praktikum".

Oft ist es so: Wer Arbeit hat, muss in immer kürzerer Zeit immer mehr Arbeitsleistung erbringen und fühlt sich dann überfordert. Stellen werden abgebaut, der Kostendruck drückt die, die bleiben, in immer mehr Arbeit hinein. Klagen über ‚burn out' oder ‚mobbing' nehmen zu, die Solidarität in Belegschaften schrumpft.

Menschen sind zunehmend bereit, Arbeit „um jeden Preis“ anzunehmen. Hauptsache Arbeit! - egal um welchen Preis!

Wird gute Arbeit zu einem Traum? Eine Arbeit, die erfüllt, die uns menschlich ausfüllt?

Arbeit prägt das Leben - oder wie ein Sprichwort sagt: „Arbeit ist mehr als das halbe Leben". Als kleiner Junge wollte ich - wie so mancher andere in meiner Klasse - Lokomotivführer werden. Das hat dann nicht geklappt, ich bin stattdessen Pastor geworden und in dem Beruf, ja in dieser Berufung glücklich geworden. Als ich vor einem halben Jahr, in meiner Auszeit, ein paar Wochen lang so etwas wie ein „Rentner“ war und nichts zu tun hatte, spürte ich, wie wahr das ist mit der Wichtigkeit der Arbeit. Für mich war da auf einmal ein „großes Loch“. Nichts zu gestalten, nichts zu bewegen, die Leute weit weg, - ziemlich leer, so ein Tag. Immer nur Freizeit – das ist wie ein goldener Käfig! Freizeit macht nur Freude, wenn sie die Arbeit begleitet und unterbricht – wie der Sonntag. Am Tag nur einkaufen gehen, ein bisschen lesen und auf dem Balkon in der Sonne sitzen, das war mir ein bisschen zu wenig für die innere Zufriedenheit! So habe ich das in den Wochen damals empfunden. Und ich konnte nachempfinden, wie viel man selber davon hat, ehrenamtlich für andere tätig zu sein.

Das heißt: Arbeit ist ein ganz wichtiger Bereich in unserer Vorstellung von einem sinnvollen, geglückten Leben. Es ist weiß Gott nicht alles. „Nur Arbeit war sein Leben“- oft in einem Nachruf zu lesen - nein, mit dem möchte ich nicht tauschen! Arbeit ist nicht alles, aber wichtig genug! Vor allem dann, wenn mich die Arbeit herausfordert, wenn ich an ihr wachsen kann, wenn ich etwas geben und einbringen kann, wenn sie mich mit Menschen zusammenführt. Dann lässt sie mich aufblühen. Wenn es mit ihr nicht stimmt, zieht sie mich herunter. Ich erlebe das gerade bei Flüchtlingen: Die meisten haben nichts zu tun, sie schlafen bis mittags, dann gehen sie zum Sprachkurs und in die Stadt, sie warten und hoffen, irgendwann in der Zukunft arbeiten zu können. Sie wollen etwas tun, sie wollen etwas leisten. Sie sind oft so voller Kraft. Sie wollen teilhaben am gesellschaftlichen Leben und nicht - ausgegrenzt - am Rand der Gesellschaft bleiben.

In jedem Menschen, nicht nur bei den Flüchtlingen, lebt dieser tiefe Wunsch, sich in einer guten Arbeit, in einem guten Beruf selber zu verwirklichen. Wie mag es den 50% der jungen Griechen oder Spanier gehen, die, oft gut ausgebildet, keine Arbeit finden, allenfalls ein bisschen jobben können, Taxi fahren oder ähnliches, und den Traum von einem erfüllenden Beruf langsam aufgeben? Arbeitende wollen stolz sein dürfen auf das, was sie leisten, und dafür Anerkennung und Wertschätzung erfahren - leider allzu oft eine Seltenheit. Ja, Menschen in der Arbeit wollen in ihrer Würde und in ihren Rechten anerkannt und nicht als bloße Kostenfaktoren in einer einseitig profitfixierten Wirtschaft betrachtet werden. Um es auf den Punkt zu bringen: Menschen brauchen ‚gute Arbeit' zu einem guten Leben.

Müssen wir uns heute zugunsten der Parolen: „Arbeit um jeden Preis - oder: Hauptsache Arbeit" von dem Ziel „gute Arbeit" verabschieden?

Die Kirche, die übrigens ja auch eine Menge Arbeitsplätze nicht mehr halten kann und abbauen muss, hat sich für das Ziel ‚gute Arbeit‘, vor allem als sie noch mehr Einfluss hatte, sehr eingesetzt. So hat sie immer gesagt: Arbeit hat Vorrang vor dem Kapital. Der Mensch ist wichtiger als das große Geld! Das sind prophetische Sätze heute, wo es ja weithin anders läuft und alles am großen Geld hängt. Es sind Sätze, die an die Propheten der Bibel erinnern. Die haben auch immer das Geschöpf und Ebenbild Gottes, den Menschen, in den Blick genommen und ihn verteidigt gegen Ausbeutung und Unrecht. Der Sabbat z.B. war ein großes Gut: einen Tag nicht arbeiten, einen Tag frei! Das gab es sonst nirgends! Von Jesus wissen wir, wie entschieden er die Würde aller Menschen verteidigt hat.

Der Tag „Josef der Arbeiter“ erinnert uns daran, dass soziale Gerechtigkeit und gute Arbeit nicht vom Himmel fallen, sondern immer wieder – auch heute – erkämpft werden müssen. Christen tun gut daran, im Namen der Opfer des Arbeitsmarktes und in Jesu Namen aufzustehen und an einem neuen Konzept von Gesellschaft mitzuarbeiten. Denn darf man einfach zusehen, wenn eine Gesellschaft immer weiter auseinanderdriftet, die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden, wenn ein Viertel der Bevölkerung unterhalb der Armutsschwelle lebt, Kinder ein Armutsrisiko sind, in manchen Branchen Hungerlöhne bezahlt werden und gute Arbeit immer weiter ausgehöhlt wird – alles unter dem Deckmantel wirtschaftlicher Zwänge in einer globalisierten Welt?

Wenn unsere Gesellschaft in Zukunft gut bestehen will, dann muss gute, gerechte Arbeit für alle möglich sein. Wer sich dafür einsetzt, baut mit an einer neuen, besseren Welt für alle. Die Welt der Arbeit hat es bitter nötig.