Roter Faden Liebe

24. April 2016

Es ist der Abend des Paschamahls und der Fußwaschung. Und dann kommt die dunkle Nacht. Judas ist hinausgegangen in die Dunkelheit, um Jesus zu verraten. In einer solchen Nacht „ist der Mensch nicht gern alleine“. Und so bleibt Jesus mit den Jüngern zusammen. Er spürt: der Tod steht vor der Tür. Ich muss mich verabschieden. Was sagt man da? Wenn einer kurz vor seinem Tod ist, möchte er den umstehenden Angehörigen vielleicht noch etwas mitgeben: ein letztes Wort, eine Art Vermächtnis, eine Art Testament. Etwas, das einem richtig am Herzen liegt. Haltet zusammen, oder ähnliches.


Jesus verabschiedet sich im Johannes-Evangelium mit einer langen Abschiedsrede, über mehrere Kapitel geht die hinweg. Ein Satz dürfte für die Jünger am meisten nachhallen: „Ich bin nur noch kurze Zeit bei euch!“ Meine Kinder nennt er sie. Eine merkwürdige Anrede für gestandene Männer! Das ist sehr familiär. Vielleicht denkt Jesus dabei: Die Jünger bleiben jetzt zurück, wie Waisen, wenn die Eltern sterben. Was heißt das: Weiter ohne ihn? Was wird bleiben von ihm? Gibt es ein Band, das die Jünger weiter mit Jesus und mit uns Christen verbindet? Gibt es den berühmten roten Faden quer durch die Zeiten?


Zu Beginn der Abschiedsrede kommt zunächst eine Barriere, eine richtige Stolperkante - fünfmal das schwierige Wort verherrlichen. Für jeden Prediger eine harte Nuß! „Jetzt ist der Menschensohn verherrlicht, und Gott ist in ihm verherrlicht. Wenn Gott in ihm verherrlicht ist, wird auch Gott ihn in sich verherrlichen, und er wird ihn bals verherrlichen.“ Alles klar? Wohl kaum.

Man kann diese beiden schwierigen Sätze so umschreiben: Jetzt wird Jesus verraten, durch Judas. Jetzt beginnt die Passion, das Leiden. Jesus gibt sein Leben hin am Kreuz. Das sieht aus wie eine Katastrophe - ist es ja auch. Aber dadurch wird Jesus in die Sphäre Gottes, in seine Herrlichkeit gehoben - in das Licht von Ostern. Das heißt verherrlicht. Sehr menschlich gesprochen: Gott der Vater kann stolz sein auf einen solchen Sohn! Denn der tut mit Haut und Haar das, was der Vater will. Der Sohn ist ganz Liebe - wie der Vater. Der Gekreuzigte fällt in die Dunkelheit des Todes, aber zugleich steigt er auf in den Lichtglanz des Vaters, ins ewige Licht. Beides ist da in seinem Tod (und in unserem Tod): freier Fall in den Abgrund nach un-ten und zugleich Aufstieg nach oben, zum Vater. Sehr anschaulich erzählt der Evangelist Markus von diesem doppelten Gesicht des Kreuzes. Ein römisch-heidnischer Hauptmann steht unter dem Kreuz und schaut auf. Er sieht das Elend und das Blut und das Grauen und ruft in dem Augenblick, als Jesus stirbt, laut aus: „Wirklich, dieser Mensch war Gottes Sohn!“ Das ist schon was Besonderes: im Schmerz und Leid und Tod eines Menschen Gottes Herrlichkeit zu ahnen.


„Ich bin nur noch kurze Zeit bei euch!“ Man könnte vermuten: Jesus wird nun die Jünger trösten, dass er bald nicht mehr da ist. Das wäre sehr menschlich, das würden wir vielleicht so machen. Stattdessen aber gibt er ihnen einen Auftrag: „Liebt einander!“ Das heißt: Schwärmt nicht von alten Zeiten, richtet euch nicht im Ver-gangenen ein nach dem Motto: Wie schön war es doch mit Jesus! Lebt ganz in der Gegenwart, im Heute Gottes. Gott kommt immer heute. Jetzt ist seine Stunde, die ich erfassen oder auch verpassen kann. Jetzt kommt er - in diesem Menschen, in dieser Herausforderung, in diesem Brief oder Anruf. Über diesem Heute steht das große Stichwort Gottes: Liebe. Liebe, d.h. aufmerksamer Blick, verlässliches Begleiten, Geduld, großzügige Hilfe. Das Modell dafür ist Jesus selber: „Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben.“ Also: Wie Gott mir, so ich dir! Wie Gott zu mir, so ich zu Dir! Das klingt so einfach und plausibel, und das sagt sich so leicht. Aber wir bleiben immer Lehrlinge auf diesem Weg, er gelingt uns oft nicht sehr gut. Und doch sollten wir weiter üben, es immer neu einüben und versuchen, egal, wie alt wir sind. Aus dieser Lehrzeit kommen wir auch mit 70 oder 80 nicht heraus!


Die Jünger jedenfalls haben diesen Auftrag angenommen. Liebt einander! Sie ha-ben es versucht, so gut sie konnten - nicht wie ein äußeres Gesetz. Liebe kann man nicht erzwingen oder kommandieren. Sie spürten hinter ihren eigenen bescheidenen Versuchen eine Kraft der Liebe, die von Jesus ausging. Bei der Fußwaschung sagt Jesus zu Petrus, der sich sträubt und sich nicht die Füße waschen lassen will: „Wenn ich dich nicht wasche, hast du keinen Anteil an mir - hast du mit mir nichts zu schaffen!“ Es kommt also erstmal drauf an, den liebevollen Dienst anzunehmen! Viele Menschen tun sich schwer damit, Zeichen der Liebe anzunehmen. Sie denken sofort an die Gegenleistung. Bekomme ich was geschenkt, muss ich ja auch was schenken. So denken sie und verhindern die Liebe. Sie sträuben sich, wie damals Petrus. Aber so kommt es nicht zur Gemeinschaft, zur Einheit mit Jesus und den anderen. Mit Nachdruck sagt darum Jesus: „Daran werden alle - die ganze Welt - erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt!“


Alle werden erkennen. Es gibt also ein Erkennungszeichen für uns Christen. Nicht das Gebetbuch und nicht das Kreuz um den Hals oder an der Wand im Wohnzimmer und nicht der Freitag ohne Fleisch, so wichtig das alles sein mag. Das Erkennungszeichen ist die Liebe. Darum flog der Papst letzte Woche nach Lesbos und nahm 12 Syrer mit nach Rom. Manche Flüchtlinge haben in unserem Land viel Verständnis, Hilfe und ein kräftiges Willkommen erfahren - gerade durch christliche Gruppen und Gemeinden. Sie kommen dadurch ins Nachdenken: Was steckt hinter diesem Glauben, wenn Gläubige uns so gut aufnehmen? Erkennungszeichen Liebe!


Ja, nur das ist das Erkennungszeichen der Christen. Wenn ihr einander liebt! Wenn - und nur dann! Sonst wird nichts zu erkennen sein, was wirklich wertvoll ist. Helfe uns Gott, dass dieses Wenn Wirklichkeit wird, immer wieder!