Fischfang mit Erfolg

Predigt am 10.04.2016

Haben wir alles falsch gemacht? Immer wieder stellt sich diese Frage, denn es läuft nicht so, wie wir das gerne hätten.

So fragen Eltern, wenn Kinder ganz anders als erhofft ihre Wege gehen - wenn sie scheitern, auf Abwegen oder Umwegen herumhängen und so gar nicht den Vorstellungen entsprechen, die man sich vom „guten Leben“ macht.

Haben wir alles falsch gemacht? So fragen gläubige Eltern, wenn ihre Kinder nichts mehr mit der Kirche und nichts mit dem Glauben anfangen können. Nach dem Weißen Sonntag wird es sichtbar: Viel Mühe wurde investiert in die Vorbereitung, die Kinder waren oft mit Begeisterung dabei. Und dann: Die Leute bleiben zuhause! Und obwohl man es eigentlich besser wissen müsste, ganz zu vermeiden ist die Frage nicht: Was haben wir falsch gemacht? Soviel Einsatz und Aufwand, so wenig Ertrag.

Gewiss - man sollte sich mit der Frage auch nicht verrückt machen. Wir sind nicht auf der Erfolgsstraße, wenn man das am Kirchenbesuch misst. Überall werden die Kirchen leerer, bleiben viele weg. Das tut schon weh. Aber ich glaube, dass Jesus Christus sich nicht und uns auch nicht von Erfolg zu Erfolg führen wollte. Er hatte nicht die Absichten eines Unternehmers. Die Leistungs- und Erfolgskurven der Wirtschaft sind wohl anders als die Wachstumsregeln im Reich Gottes! Gott sei Dank! Jesus berief einige Menschen, und sie folgten ihm und waren da. Und Jesus begegnete anderen - half ihnen weiter durch Worte und Taten - und dann zogen sie weiter, nicht hinter Jesus her. Die Begegnung war für sie gut und heilsam, sie waren dafür dankbar, aber Nachfolge stellte sich nicht ein. Eine Dauerbindung also bei den einen, eine gute Begegnung bei den anderen. Warum sollte es heute an-ders sein? Menschen sind heute völlig frei in puncto Glauben, niemand nötigt sie. Das ist die erste Generation, von der man das sagen kann! Und so geben Menschen auf Gottes Einladung unterschiedliche Antworten. Wir können allenfalls mit dafür sorgen, dass Menschen heute mit Jesus Christus in Berührung kommen - auch aus Anlass von Hochzeiten oder Erstkommunionen oder Beerdigungen. Was aus diesen Begegnungen wird, steht nicht sehr in unserer Hand, ist Gnade. Glauben können ist ein Geschenk Gottes.

Haben wir alles falsch gemacht? So werden auch die Jünger im Evangelium gefragt haben. Die ganze Nacht sind sie unterwegs in ihren Booten und nichts im Netz: ein krasser Misserfolg! Obwohl sie doch Fachleute waren, und obwohl der See Genezareth bis auf den heutigen Tag für seinen Fischreichtum bekannt ist. 153 verschiedene Fischarten soll es dort geben. Und obwohl die Nacht die richtige Zeit zum Fischen ist. Wenn überhaupt, bringt die Nacht den Erfolg. Kurzum: Viele gute Voraussetzungen waren gegeben, trotzdem: Nichts im Netz! Es klappt nicht.

Der Evangelist Johannes stellt uns in dieser Ostergeschichte die Situation der Kirche in einem Bild vor Augen. Die Jünger, die Bischöfe, die Priester und wer sonst noch die Botschaft verkündet, sie sitzen in einem Boot, „im Schiff, das sich Gemeinde nennt“. Sie mühen sich ab mit dem, was ihr Beruf und ihre Berufung ist: Fischfang, Menschenfischer. Nur, es klappt nicht richtig, es kommt nichts dabei heraus! Das scheint nicht erst seit heute so zu sein. Es ist durch alle Jahrhunderte hindurch der Glaube nichts Automatisches gewesen, das man so lernen kann wie das kleine Einmaleins. Wohl gab es Zeiten wie die letzten Jahrhunderte, da war der Glaube durch die vorherrschende Kultur und durch große Mehrheiten gestützt, da war er sozusagen „üblich“. Heute ist er, wie damals in den Anfängen, nicht selbstverständlich, nicht automatisch, sondern eher die persönliche freie Entscheidung des Einzelnen. Das macht den Glauben heute spannend, aber auch mühsam und manchmal einsam. Diaspora, Vereinzelung, ist niemals leicht. Die Bootsbesatzung meint dann, vielleicht seien die Netze zu weitmaschig, Fische flutschen hindurch, vielleicht müsse das Boot nur repariert oder neu gestrichen werden, vielleicht solle man ins Rettungsboot steigen und einen eigenen Kurs nehmen. So manches wird versucht, um die Netze zu füllen. Das Entscheidende steht nun nicht in diesem Evangelium, sondern in einem ähnlichen Text: Wir waren die ganze Nacht unterwegs und haben nichts gefangen, sagt Petrus da. Aber auf dein Wort hin will ich die Netze noch einmal auswerfen. Nur auf dein Wort hin.

Es kommt also nicht darauf an in unseren Gemeinden, die Kajüten neu zu streichen oder immer wieder ein gemütliches Bordfest zu feiern, sondern auf sein Wort hin neu hinauszufahren, die „Sehnsucht nach dem weiten unendlichen Meer“ (Exupery) miteinander zu teilen und nicht bloß im sicheren Hafen zu ankern. Im Hafen werden die Netze nicht voll. Da muss man hinaus. Einer, der im19. Jahrhundert hinausging, Adolf Kolping, sagte damals: „Man soll sich nicht von schlechten Erfahrungen leiten lassen, sondern von guten Erwartungen“, und fügte hinzu: „Um Menschen zu fischen, muss man sein Herz an die Angel hängen.“

Wenn uns unsere Erfolglosigkeit und die leeren Netze bedrücken, wenn wieder mal die Frage bedrückt: „Haben wir alles falsch gemacht?“, dann können uns die Jünger vom See Genezareth ja einen Hinweis geben. Wir dürfen darauf vertrauen, dass der Auferstandene auch heute noch am Ufer steht und unser Tun und unsere Verzagtheit sieht. Auf sein Wort hin können wir wieder hinausfahren - mit guten Erwartungen. In seinem Wort liegt die Kraft. Es kann die „Sehnsucht nach dem weiten Meer“ und nach den Menschen stärken. Alles Weitere kommt danach. Lassen wir es kommen!