Osterpredigt

26. / 27. März 2016

Am Gründonnerstagabend suchte ich nach österlichen Gedanken oder Brücken, die man bauen muss zwischen der 2000 Jahre alten Geschichte und der Welt von heute. Ich machte irgendwann den Fernseher an und zappte ohne große Erwartung herum. Da kam ein Bericht vom Südwestfunk, über Sasbachwalden, ein idyllisches Dorf im Schwarzwald. Dort gab es ein leerstehendes Hotel im Wald, sehr abgelegen. In dem hatte man 150 Flüchtlinge meist aus Syrien untergebracht. Im Dorf entstand Unruhe - die Flüchtlinge blieben sehr fremd - ein Fremdkörper -, sie sprachen oft nur arabisch. Was sollte man mit ihnen anfangen?

Aber dann passiert es: ein Musiker kommt, mit passendem Namen für einen Musiker: Bach! Der ist ein Coach für Chöre und will nun beide Seiten zusammenbringen - die Einheimischen und die Flüchtlinge. Durch Gesang! Vielstimmig soll er gesungen werden, der berühmte Song We are the world, diese Hymne des Lebens.

Er wirbt, spricht viele Leute an, geht durch Geschäfte, selbst der skeptische Bürgermeister macht schließlich mit. Man übt, der Coach kann begeistern, kann motivieren. Einheimische und Flüchtlinge sind bereit, Solopartien zu singen. Ein syrischer Junge kann Geige spielen und tut es. Und es kommt zu einem großen, mitreißenden Konzert in der Kurhalle.

Eine alte Flüchtlingsfrau aus Syrien sagt später: „Der Herr Bach hat uns aus der Traurigkeit herausgeholt!“ Die beiden vorher so distanzierten Gruppen gehen aufeinander zu, freuen sich miteinander - statt Isolation kommt Begeisterung! Das Dorf ist durch Musik ein anderes geworden!

Ich sah das und freute mich mit und spürte, wie gut mir dieser Film tat. Ja - österlich war das! Der Film dachte natürlich nicht an Ostern, hat mich aber daran erinnert, ist für mich auf der Linie, in der Spur unseres großen Festes. Ich merkte: ich suchte nach Hoffnungsvollem, etwas, das froh stimmte, ich brauchte das! Denn vorher hatte ich im TV gesehen: die Berichte aus Brüssel von der uneinigen EU, aus Syrien, aus Idomeni in Griechenland - die Leute steckten da fest im Schlamm. Alles war kaum noch zu ertragen - Terror, Gewalt, Not ohne Ende. Das hält man, selbst als Zuschauer, als eigentlich Unbetroffener, nur schwer aus.

Die Nachrichten stecken sozusagen fest im Karfreitag! Es ist die Herrschaft des Todes! Wir werden ständig in Atem gehalten von Menschen, die das Leben nicht lieben - nicht das eigene (die Selbstmordattentäter) und noch weniger das der anderen. Sie bringen sich und viele andere um. Das ist nur wie die offen zutage liegende Spitze eines Eisbergs!

In unserem sich so aufgeklärt, so fortschrittlich gebenden 21. Jahrhundert scheint alles technisch machbar - aber ist das Leben oft so wertlos geworden. Stellen wir uns eine Waage vor: auf der einen Waagschale das Leben der Menschen, auf der anderen: big business, die Finanzen, die Machtinteressen, die Abschottung und Bequemlichkeit einer Gesellschaft. Was wiegt mehr?

Das alles tötet, sagt der Papst. Es tötet, schwächt das Leben, fördert nichts. Die Armen sind so wertlos. Das Schlimme: Man gewöhnt sich daran! Und so hängt Angst in der Luft, eine depressive Lähmung vor der Herrschaft des Todes und die Sehnsucht nach Zeichen der Hoffnung!

Ostern sagt uns nun: das Leben ist überaus wertvoll, das Wertvollste, der Spitzenwert! So wertvoll, dass das Leben über den Tod siegt, aus dem Tod hervorgeht. Ostern ist nicht eine kleine Geschichte, eine Episode - wie die von Sasbachwalden. Das sind Geschichten, die verfliegen und gehen unter und werden schnell vergessen. Ostern ist die große, grundlegende Geschichte, die alle angeht - die ganze Menschheit. Sie betrifft unsere Auffassung vom Sinn des Lebens, und ob es sich lohnt zu hoffen - ob Hoffnung Selbstbetrug ist oder berechtigt.

Die Botschaft ist klar und hoffnungsvoll: Die Herrschaft des Todes ist gebrochen. Die Todesmächte haben nicht mehr das Sagen, sondern Gott! Er hat das letzte Wort. Paulus fragt: Tod, wo ist dein Sieg, Tod, wo ist dein Stachel?

Die ersten Christen haben die unglaubliche, provozierende Botschaft „Jesus lebt!“ als den großen Impuls für ihr Leben und Handeln genommen - für eine neue Art zu leben. Neues Leben, das hieß und heißt z. B.:
Gemeinschaft statt Isolation.
Versöhnung statt Spaltung.
Teilen statt Raffen.
Gastfreundschaft statt Abschottung.
Brücken statt Mauern.
Hoffnung statt Resignation.

Wie hatte die alte syrische Frau in Sasbachwalden gesagt: „Er hat uns aus der Traurigkeit herausgeholt“ - er, der Chorleiter. Wir sagen ähnlich zu Ostern: „Er hat uns aus der Traurigkeit herausgeholt“ - er, unser Gott!

In dem Schwarzwalddorf sang man gemeinsam eine Hymne des Lebens We are the world. Zu Ostern wurde von Anfang an die Botschaft gesungen: God saves the world, Gott rettet die Welt. So lasst uns jetzt singen: Christ ist erstanden!