Weihnachten 2015

24. Dezember 2015

Seit drei Monaten hat sich meine Familie verjüngt. Meine Schwester ist mit fast 70 zum ersten Mal Großmutter geworden. Ein kleiner Enkel - Moritz - ist auf die Welt gekommen. Die Oma sagt: „Das ist das schönste Baby auf der ganzen Welt!“ (Das dürfen Omas so sagen!) Damit drückt sie ihr Staunen und ihre große Freude aus über den lang ersehnten Nachwuchs. Seit das Kind da ist, hat sich in der Familie einiges geändert. Ganz still und leise ist der Kleine zum Mittelpunkt geworden. Alles dreht sich um ihn. Wenn wir zusammen sind, schauen alle auf ihn. „Sieh mal, wie er mich anlacht!“ Oder: „Ich glaube, er erkennt mich schon!“ Die Familie spiegelt sich sozusagen in ihm.

Ja, so ist das oft mit Neugeborenen. Und so war es auch mit Jesus, dem Kind von Bethlehem. Lang ersehnt - das ganz sicher. Und zwar nicht bloß von einer Familie, sondern von seinem ganzen Volk, von den Juden. Die hofften auf den Messias, wussten aber nicht, wo sie hinschauen und ihn suchen sollten. Messias, so eine Art Retter, Erlöser. Gewaltig musste er wohl sein, imponierend, ein Großer dieser Welt. Der Kommandant von Gottes Bodentruppen! Baby und Krippe und Stall passten da nicht gut ins Bild. Ochs und Esel und Hirten und diese ganze schäbige Armut auch nicht. Man konnte so leicht an der höchst bescheidenen Szene im Stall vorbeilaufen und eher in den Palästen suchen, im Tempel oder an den Schreibtischen der Schriftgelehrten. Die meisten Leute dachten: Das sind doch eher die Orte Gottes.

Aber entgegen den üblichen Erwartungen kam der Messias Jesus von unten. Ganz still und leise trat er in die Welt, sozusagen durch die Hintertür. Der Erlöser ist von Anfang an, von der Krippe an bis zum Kreuz mit der unerlösten Welt konfrontiert. In der Stadt war kein Platz für ihn. Der Stall ist nur ein Behelf für Obdachlose. Weil er das Reden vom nahen Messias fürchtet, lässt der König Herodes die Kinder Bethlehems, sozusagen die befürchtete zukünftige Konkurrenz, töten. Die kleine heilige Familie sieht sich zur Flucht nach Ägypten gezwungen. Wie die ungezählten Flüchtlinge heute - rund 50 Millionen Menschen weltweit - hat Jesus keinen festen Platz auf unserer Erde, keine Parzelle, kein Grundstück, von dem er sagen kann: Das ist meins! Denn ihm und zu ihm gehört die ganze Welt. Seine Welt nennt er später „Reich Gottes“. Da gilt nicht die Regel des alten Adam: Nimm dir, was du kriegen kannst. Wenn dir einer blöd kommt, hau ihm eins aufs Maul. Lass dir nichts gefallen.

Jesus dagegen, der „neue Adam“, bringt etwas ganz Anderes mit: Barmherzigkeit! Und so erlöst er die Welt, die an sich selber krankt. Barmherzigkeit, das ist: im anderen Menschen das Kind des Schöpfers, des Vaters im Himmel, erkennen - also meine Schwester, meinen Bruder - egal, ob er schwarze oder weiße Haut hat, egal, ob er an Allah oder an Jahwe oder an gar nichts glaubt. Die göttliche Barmherzigkeit leuchtet aus diesem Kind heraus und ruft nach unserer Antwort. „Erschienen ist die Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes, unseres Retters“, so heißt es in der Bibel, in einer der Lesungen von Weihnachten. So kurz kann man es sagen, fast in einem Wort: Menschenfreundlichkeit. Gut, dass gerade unser Papst Franziskus diese Barmherzigkeit ganz konkret vorlebt. Das tut er in vielen sprechenden Gesten und Zeichen, und so lässt er uns deren heilende und versöhnende Kraft neu entdecken - gerade in den kommenden Monaten, in dem „Jahr der Barmherzigkeit“, das er für die ganze Kirche ausgerufen hat.

In der Weihnachtsgeschichte gibt es nicht nur die Armut und den Stall und die Hirten und die sonstigen Krippenfiguren. Es gibt auch die Engel, die Vertreter des Himmels, des göttlichen Reichs. Sie verkündigen den Lobpreis Gottes, „eine große Freude“ und den Frieden, und sie singen. Sie wissen schon und sehen schon, wo wir noch blind sind. Ja, der Himmel kommt zur Erde - endlich wieder -, die ursprüngliche Einheit des Paradieses blitzt wieder auf! Der Himmel kommt zur Erde, die für viele Menschen eher die Hölle ist. Man frage mal die Leute in Damaskus oder Lampedusa danach. Himmel: das sind die unglaublichen Möglichkeiten Gottes, auf die wir selber gar nicht kommen würden. Wären wir darauf gekommen, den weltweiten Schrei nach Erlösung mit einem wehrlosen kleinen Kind in der Krippe zu beantworten? Oder später mit dem Mann am Kreuz? Und noch später mit der Auferstehung? Nein, man kann über die Kraft des Himmels nur staunen.

Ich komme zurück auf meine Anfangsgeschichte – meinen Großneffen, den kleinen Moritz, oder wie die Kinder von heute alle heißen mögen. Ich sagte, einiges hat sich in der Familie geändert. Alles dreht sich nun um das Kind, um das Wunder des Lebens. Es rückt in den Mittelpunkt. Alle schauen auf ihn und fühlen sich von ihm angeschaut: „Sieh mal, wie er mich anlacht!“ So ähnlich singen wir von Jesus im populärsten Weihnachtslied. „Gottes Sohn, o wie lacht …“ Das Lachen, das Staunen, die Freude: die Vorboten der Erlösung! Ja, auch dieser Jesus schaut uns an, liebevoll, menschenfreundlich, froh, zur Welt zu kommen, zu seinen Menschen, damals und heute.

Und das Kind rückt in den Mittelpunkt. Das wäre ein wunderbares Weihnachten: Jesus rückt für uns in die Mitte, nicht nur am Fest. Ich habe ein Krippenbild gesehen, da ist die Krippe hinein gestellt in die leere Nabe von einem Holzrad, wie in einer Höhle. Das Rad mit seinen Speichen dreht sich um diese Nabe, bekommt von ihr den Schwung und die Kraft. Das wäre wunderbar: Jesus in der Nabe, in der Mitte des Lebens. Und das nicht nur zur Weihnachtszeit.