Effata, öffne dich

Predigt am 06.09.2015

Jesus heilt einen Taubstummen: Er sagt zu ihm: Effata! - ein aramäisches Wort steht da im griechischen Text, das bedeutet „Öffne dich“!


Vor Jahren lief ein eindrucksvoller Film aus Frankreich: „Schmetterling und Taucherglocke“- nach einer wahren Begebenheit. Ein erfolgreicher Journalist war die Hauptperson, der durch einen Schlaganfall fast alles verloren hatte: er war am ganzen Körper gelähmt, konnte sich nicht mehr bewegen und nicht mehr sprechen - bei vollem Verstand und intaktem Gefühlsleben! Er war in seinem Körper wie gefangen. Das einzige, was er noch bewegen konnte, war das linke Augenlid. Eine Therapeutin erkannte das und schlug ihm vor: Einmal mit dem Augenlid zucken bedeutet der Buchstabe A, zweimal B, dreimal C usw. Mit einer unglaublichen Geduld ließ sie sich auf diese Weise ein ganzes Buch von ihm diktieren, in dem er seine Gedanken und inneren Erfahrungen beschrieb. Da war also einer körperlich durch den Schlaganfall völlig „zu“, aber durch den Einsatz eines anderen Menschen so offen, dass er sich in einem Buch mitteilen konnte.


Es ist ein wenig auch unsere Geschichte: Wir können manchmal taub und blind und stumm sein - aber dann ist eigentlich unser Herz damit gemeint. Das Herz ist taub oder blind. „Mit dem Herzen müssen wir hören, sonst sind alle Wörter nur Geräusch. Von Herzen müssen wir sprechen, sonst sind alle Wörter nur Geschwätz“, schrieb Papst Franziskus. Unser Herz ist gemeint, wenn Jesus sagt: Effata - öffne dich.


Offensein und Verschlossensein. Es ist wohl so, dass diese Spannung unser ganzes Leben begleitet. Es ist so wie im alltäglichen Leben - da öffnen wir Fenster und Türen, Schränke und Schubladen - und täglich verschließen wir sie wieder und wieder.
Wer vergeblich an eine verschlossene Tür klopft, ist enttäuscht. Verschlossene Fenster schützen zwar vor Durchzug, aber frische Luft gibt es nur bei offenem Fenster. Effata! Wie gut tut es, einem offenen Blick zu begegnen - auch hier im Gottesdienst! Wie gut, ein offenes Wort zu hören und keine versteckten Anspielungen. Wie gut, eine offene Hand zu sehen. Nur eine offene Hand kann sich einem entgegenstrecken. Nur eine offene Hand kann trösten, streicheln, empfangen - nie die geballte Faust!


Offen - das möchten wir wohl alle sein. Aber das ist mitunter sehr schwierig. Manchmal bin ich müde und überfordert und so gegen meinen Willen verschlossen: möchte keinen hören und sehen, alles stört nur. Oder wenn ich verärgert und durch Wut blockiert bin, dann stehe ich da mit verschränkten Armen und verkniffener Miene. Dann könnte ich es gut gebrauchen, wenn mir einer den Effata-Impuls von Jesus weitergäbe und an mein Herz brächte: Öffne dich!


Es gibt offensichtlich so viele Gründe, verschlossen zu sein. Man will sich schützen und „macht zu“. Man ist enttäuscht und verbittert und zieht sich zurück. Trauer, Ratlosigkeit, Verzagtheit können Wände aufrichten, hinter denen einer verschwindet. Angst kann so verschlossen machen, dass einer wie gelähmt ist. Die täglichen Anstrengungen können so erschöpfen, dass einer nicht mehr offen ist für das Ungewohnte, das auf ihn zukommt.


Das alles gibt es ja nicht nur im privaten Leben, sondern auch im Leben der Kirche und einer Gemeinde. Da fühlt sich einer nicht mehr angesprochen und verstanden. Er zieht sich zurück. Da schließen sich z.B. bei jungen Leuten Türen, die von selbst so leicht nicht wieder aufgehen. Da hat einer sich geärgert, und keiner hilft, das beizulegen. Verdruss, um den sich keiner kümmert, macht die Türen zur Gemeinde zu, oder eine Kränkung, ein Nicht-beachtet-werden.
Das alles ist gemeint mit dem einladenden, befreienden Wort: „Effata“- öffne dich!

Aber das ist auch ein beunruhigendes Wort. Beunruhigend wie alles, was an den Nerv geht. Es gibt nicht nur die Sehnsucht, sich zu öffnen. Es gibt auch die geheime Angst, dass einem das nicht gut bekommt. Sich öffnen - das ist ja auch ein Wagnis, ein Risiko. So sind wir manchmal seltsam geteilt. Wir spüren unsere Verschlossenheit und sind nicht glücklich mit ihr – und ändern nichts daran.


Das Evangelium will uns mit unseren Verschlossenheiten zu Jesus führen. Stumm und taub schaut der Mann im Evangelium Jesus an und hat nur einen Wunsch: Berühr mich! Leg mir die Hände auf! Jesus sagt zu ihm: Effata - Tu dich auf! „Er hat alles gut gemacht“, sagten anschließend die Leute.


Herr, sag das auch zu mir: öffne dich! Du kennst mich ja so gut. Du weißt genau, wo ich schwerhörig bin und mich taub stelle - und wo ich tatsächlich nicht mehr höre. Du weißt genau, wo ich sprachlos bin und mich nicht traue, zu sagen, was ich fühle. Wo ich sprachlos bin auch zu Dir hin und nicht mehr bete.


Herr, sag auch deiner Kirche: öffne dich! Öffne dich - für die Menschen, für die du, Kirche, doch da bist; für die Probleme, welche die Herzen der Menschen heute beschäftigen. Öffne uns für die Flüchtlinge und die Spannungen, mit denen sie leben müssen. Und öffne dich immer wieder neu für den, dessen Stimme auch heute zu uns spricht, der uns ruft - und in den tausend Geräuschen und anderen Stimmen der Welt sein Wort sagt: sein Evangelium.