Nicht innen - außen

Predigt am 30.08.2015

Ein Jugendfreund von mir reiste als Student vor vielen Jahren nach Asien - wie man das damals so machte: als Tramper, mit Rucksack und Isomatte, nur wenig Geld in der Tasche. Kurz vor seiner Abfahrt ist er ins Pfarrbüro gegangen, hat ein leeres Blatt Papier genommen und darauf geschrieben: „Der Inhaber dieses Schreibens darf alles.“ Und dann hat er alle Stempel, die er gefunden hat, auf dieses Blatt gedrückt: Datumsstempel, Pfarrsiegel, Kopiebeglaubigung, Eingangsstempel und was es sonst noch alles gab. Je größer und voller, desto besser. Mit diesem Blatt, so hat er später erzählt, ist er in jeden Park, jeden Tempel und fast jeden Palast hineingekommen. Kein Mensch konnte zwar lesen, was auf dem Blatt draufstand, aber bei den vielen eindrucksvollen Stempeln seien die Wachmannschaften jedes Mal gleich strammgestanden.


Liebe Schwestern und Brüder, sie kennen vielleicht die Geschichte vom Hauptmann von Köpenick, die ähnlich ist: da zieht ein armer Schuster in der Zeit von Kaiser Wilhelm eine Offiziersuniform an, und sofort stehen alle stramm. Ein paar Stempel, eine Uniform und schon sind Sie wer! Schon schlägt man vor Ihnen die Hacken zusammen! Sobald irgendwer oder irgendetwas amtlich daherkommt, sind die anderen schwer beeindruckt und fragen nicht nach. So einen Eindruck kann das rein Äußerliche machen – etwa eine Uniform!


Aber ein Stempel ist halt nur ein Stempel, und eine Uniform ist nur ein Bekleidungsstück und noch lange nicht das Amt, für das sie eigentlich steht. Uniformen, Stempel und Zeichen, das ist das eine. Das Amt, die Vollmacht und die Wirklichkeit, das ist das andere. Und zwischen beiden Seiten können Welten liegen - wie damals in Köpenick. Ganz Deutschland hat später über den pfiffigen Schuster gelacht. Der hat ja vorgeführt, wie die Leute auf Uniformen und militärisches Brimborium hereinfallen, wie sie sich vom Äußerlichen blenden lassen. Wer nur auf die Verpackung schaut, auf die Form, auf die „Uniform“, der wird wahrscheinlich dem Eigentlichen und Wichtigen gar nicht auf die Spur kommen.


Ich denke, dass Jesus im heutigen Evangelium genau davor eindringlich warnt. Denn auch hier geht es darum, wie Äußerlichkeiten entscheidend werden und das Eigentliche, der Wille Gottes, damit zugedeckt wird.


Es ist eine Gefahr in allen Religionen, in der Form und in den äußeren Formen hängen zu bleiben. Zwar wird unser Glaube vielleicht heute allzu formlos gelebt, so dass die äußerliche Seite nur wenig sichtbar und erkennbar wird. Sehr schnell sagen die Leute heute: Das sind ja alles nur Äußerlichkeiten. Den Sonntag als „heiligen Tag“ halten und zur Messe gehen: Äußerlichkeiten! Freitags kein Fleisch essen: Äußerlichkeiten! Fastenzeit: Äußerlichkeiten! Gilt für uns nicht! Sind wir drüber erhaben.
Ideal ist es, wenn Form und Inhalt („das Eigentliche“) gut zusammenstimmen. Wenn die Form den Inhalt schützt und wachhält. Aber oft genug hat die Form, das Äußerliche, den Inhalt überwuchert und vielleicht sogar erstickt. Am deutlichsten wurde mir das oft im Beichtstuhl. Menschen beichten, dass sie hier und da die heilige Messe versäumt haben. Eher selten ist zu hören, ob sie ihre Beziehung zu Gott für lebendig halten. Man sieht auf die Außenseite (Kirchgang), die man abzählen und kontrollieren kann, und spricht nicht davon, ob man Gott wirklich „liebt“ mit ganzem Herzen und ganzer Seele.


Zur Zeit Jesu war das noch deutlicher. Die Religion Israels hatte viele sehr konkrete Vorschriften. Sie prägten den Alltag - bis hin zum Kochen. Im Evangelium ist von Reinigungsvorschriften, vom Händewaschen die Rede. Das ist eine Form, die daran erinnern will: reinigen wir unser Inneres, unser Herz vor Gott, machen wir uns bereit für ihn! Aber diese Erinnerung verblasste bei vielen, und übrig blieb das Äußere, das dann mechanisch, wie automatisch gepflegt wurde. Die Propheten, wie Jeremias, hatten genau dies im Blick: Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, sein Herz aber ist weit weg von mir!


Lasst euch nicht vom Schein blenden, verliert das Wesentliche nicht aus dem Blick, nämlich den Willen Gottes, oder noch besser: Gott selber! So sagt Jesus also heute - und für heute! Auch heute kleben viele an den Formen, an den äußeren Zeichen, an liebgewordenen Bräuchen und Riten.


Wie viel Streit gibt es zwischen Eltern und Kindern, weil die Eltern auf den Formen beharren, wie sie es immer schon gehalten haben, und die Kinder das als alte Zöpfe ansehen und ihre eigenen Wege gehen wollen. Und wie leicht vergisst man dabei, dass Eltern und Kinder sich im Grunde und im Herzen einig sind, aber eben bei den Formen auseinander geraten.

Kann es sein, dass das Auseinanderdriften der Generationen in Sachen Glaube und Kirche eher eine Krise der Glaubensformen ist, z.B. die Sonntagsmesse, die den Jüngeren oft nicht mehr viel sagt und gibt? Aber dass dahinter doch noch eine Beziehung zu Gott möglich ist, die Ältere und Jüngere vereint? Ich hoffe dies jedenfalls.


Jesus sah hinter die Formen und Zeichen. Und entdeckte in ihnen, aber mehr noch dahinter Gott. Er lädt uns ein, nicht an der sichtbaren äußeren Fassade stehen zu bleiben, sondern den lebendigen Gott und den lebendigen Christus durch die Zeichen und Formen hindurch zu entdecken. Gerade jetzt - in der Messe.