Wohin sollen wir gehen?

Predigt am 22.08.2015

Im Evangelium geht es heute nicht gerade harmonisch zu. Viele Jünger nahmen Anstoß an Jesus, so heißt es. Wahrscheinlich gab es oft genug Krisen in den frühen Gemeinden, Glaubenskrisen, Anfechtung und Zweifel - wen würde es wundern? Die Menschen kamen mit Jesus nur schwer zu Rande, sie konnten ihn nicht „fassen“ - nicht seine Wunder, nicht seine Worte, nicht das Kreuz, nicht die Auferstehung, nicht seinen Anspruch, Sohn Gottes zu sein. Und so verließen ihn viele. Sie fanden ihn „unerträglich“. Sie gingen einfach weg, sie blieben einfach weg - damals wie heute.


Es ist gut, einmal von diesem „sperrigen“, anstößigen, „unerträglichen“ Jesus zu hören. Vielleicht haben wir ihn ja viel zu sehr glatt gebügelt, ihm die Ecken und Kanten genommen, das Anstößige verharmlost und ihn zum sanften Heiland gemacht, der tröstet und beruhigt und niemanden mehr aufregt. Hören Sie sich einmal in diese Geschichte hinein: Ein Pastor und ein Rabbiner nehmen an einer ökumenischen Konferenz teil. Leider gibt es nicht genug Einzelzimmer - so müssen sie sich ein Doppelzimmer teilen. Beim Frühstück am nächsten Morgen sagt der Pastor: „Mein lieber Rabbi, hoffentlich habe ich Sie gestern Abend beim Einschlafen nicht zu sehr gestört, weil ich das Licht so lange brennen ließ.“ „Halb so schlimm, das ha-be ich kaum bemerkt,“ antwortet der Rabbi. Der Pastor erzählt ihm daraufhin: „Ach, wissen Sie, wenn ich am Abend nicht eine halbe Stunde Gottes Wort gelesen habe, kann ich nicht in Ruhe einschlafen.“ „Das ist ja merkwürdig,“ entgegnet der Rabbiner, „bei mir ist es genau umgekehrt. Wenn ich am Abend eine halbe Stunde Gottes Wort lese, kann ich nicht mehr ruhig schlafen!“ Merkwürdige Geschichte, in der Tat! Zwei verschiedene Sehweisen werden erzählt: Beruhigend, tröstend, vertraut, fast ein wenig einschläfernd wirkt Gottes Wort auf den Pastor, herausfordernd, aufrüttelnd, fast den Schlaf raubend auf den Rabbiner. Beides hat seinen Platz und seine Berechtigung. Wir suchen im Glauben meistens eher die Sehweise des Pastors - die Tröstung, die Beruhigung. Nun aber sind wir im Evangelium damit konfrontiert, wie aufrüttelnd und verstörend Gottes Botschaft sein kann und wie viele vor Jesu Worten schlicht davonliefen.


Der Rabbiner hat recht: Gottes Wort ist als Einschlaflektüre nicht immer und nicht unbedingt geeignet. Es kann sehr wach halten, kann sehr unruhig machen, kann uns Beine machen. In diesem Sinne hat ein Heiliger gesagt: „Ein gutes Gewissen ist kein sanftes Ruhekisten - ein gutes Gewissen ist eine Erfindung des Teufels.“


Viele gingen weg und verließen den manchmal so verstörenden Jesus, der sie übrigens gehen ließ - in voller Freiheit. Andere blieben dagegen - auch sie in voller Freiheit. Petrus z.B. blieb, er, der selber immer wieder ein Stein des Anstoßes war mit seinem impulsiven Verhalten. „Wollt nicht auch ihr gehen?“ Diese Frage Jesu an die Jünger beantwortet er so: „Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte ewigen Lebens!“ Er steht zu Jesus, er bekennt sich zu ihm, und zwar aus eigener Erfahrung. Nicht aus Konvention, nicht aus Tradition, nicht aus Glaubensroutine; nicht nach dem Motto: Ich bleib dabei, wie ich es gelernt habe. Sondern aus innerster Überzeugung, die auf Erfahrung basiert. „Herr, zu wem sollten wir gehen?“ Wo sonst das finden, was er gefunden hat? Man müsste Petrus fragen können, was er gefunden hat. Er sagt: Worte ewigen Lebens. Worte und Taten Jesu, die innerlich aufwecken, die lebendig machen, die erfüllen, die den Hörer denken und fühlen lassen: Das ist es!


Das ist es, was ich immer erhofft habe, wonach ich mich immer gesehnt habe! Man müsste auch uns selber heute fragen können, was wir gefunden haben. Warum sind wir geblieben - wo Weggehen heute doch so üblich und so leicht ist? Was hält uns? Nur Tradition, weil wir es so gelernt haben? Oder doch die „Worte und Taten ewigen Lebens“, die uns ganz tief in unserem Innersten ansprechen? Ja, was hält uns bei Jesus? Mich hält sein Bild von Gott - Gott als Liebe, die Freiheit lässt, die den Menschen ernst nimmt und jedem Menschen Würde gibt. Eine Liebe, die stärker ist als der Tod und darum die Auferstehung kennt. Mich hält seine Bewegung des Abstiegs, seine Menschwerdung, sein Gang zu den Armen und Kranken und Kleinen - wo doch sonst alles hoch hinaus will und nach Macht und Ansehen giert. Mich hält das Kreuz, das hart ist und manchmal unverständlich, aber eine Liebe zeigt, die alles auf sich nimmt, die alles hingibt und nichts für sich behält. Mich hält, dass er sich um keine Lebensfrage herumdrückt - auch nicht um den Tod und alles Dunkle, das uns auf der Seele liegt. Mich hält die Eucharistie, die diese grenzenlose Liebe feiert und uns mit hinein nimmt in diesen Strom der Liebe. Mich halten viele Worte aus der Heiligen Schrift - manche Worte sind wie ein „Password“, wie Schlüsselworte geworden, die mich aufschließen, wo ich sonst zugesperrt wäre. Mich hält sein „heiliger Geist“, eine Praxis, die Menschen aller Zeiten inspiriert hat, in der Spur Jesu zu bleiben. Mich halten die vielen Mitgeher - niemand muss alleine den Weg gehen. Mich hält, dass er uns alle hält - in seiner Hand, in seinem Herzen.