Klug leben

Predigt am 16.08.2015

Nicht töricht, sondern klug. So sollen wir unser Leben führen. Was meint Paulus hier mit „klug“? Sicher nicht: gute Schulnoten. Ständig Einser auf dem Zeugnis. Eine Intelligenz, die genau sieht, wo die Vorteile liegen, wo der Erfolg.


Was ist „klug“? Da fallen mir nicht Sätze ein, sondern Gesichter. Ich habe Gesichter vor Augen - oft alte und ältere Menschen, die in einem langen Leben viel erfahren haben, viel Schweres auch, und die darüber klug, oder besser noch: weise geworden sind. Das Schwere hat sie nicht bitter gemacht. Sie haben es verarbeitet. Sie sind nicht ausgewichen. Und jetzt sind sie gelassen und weitherzig. Und der Humor fehlt auch nicht. Als ich ein Junge war, beeindruckte mich sehr der damalige Papst Johannes XXIII. Er ist inzwischen auf die Altäre erhoben, er ist heiliggesprochen worden. Ich hoffe, das entfernt ihn nicht von uns. In seiner kurzen Amtszeit von kaum fünf Jahren waren sozusagen alle „gern katholisch“! Eine weise Vater- oder Großvaterfigur! Er kannte das Leben, er liebte Gott und die Menschen, er suchte die Menschen auf - auch in Krankenhäusern, in Gefängnissen - und brachte ihnen ganz menschlich mit Humor, mit Vertrauen Gott nahe. Vielleicht war der Schlüssel dazu - und der Schlüssel zur Klugheit - die Demut.


Demut ist - zumindest als Wort - ganz aus der Mode. Es könnte heißen: das Leben in den richtigen Proportionen und Maßstäben sehen. Da stimmt oft was nicht mit uns: wir sehen verzerrt. Wir sehen nur uns selber. Wir rücken uns in den Mittelpunkt, beziehen alles auf uns. Der demütige, der „kluge“ Mensch hat das hinter sich. Er bemüht sich zumindest darum. Es muss sich nicht alles um ihn drehen. Er sucht Ruhm und Ehre nicht für sich selbst, sondern für einen Größeren. „Alles zur höheren Ehre Gottes!“ Gott soll für ihn der Maßstab sein, der geheime Mittelpunkt seiner Welt. Dann verliert so vieles, was uns hier beschäftigt, seine Bedeutung. Ich mache dann nicht mehr mit bei den heute so typischen „Rankings“. Wer ist der Beste? Bin ich es? Wo stehe ich auf der Erfolgsleiter? Kränkungen werfen mich dann nicht mehr um. Vergleiche mit anderen brauche ich nicht mehr. Demut heißt also: Ich bin nicht der Mittelpunkt der Welt. Dem Ich, das sich so breit und schwer macht, verordne ich sozusagen eine Fastenkur, eine Diät. Ich verneige mich vor dem wirklichen Mittelpunkt: vor Gott.


In einem seiner berühmtesten Aussprüche erzählte Papst Johannes dem Volk von Rom, dass er immer wieder sich große Sorgen mache und befürchte, alles falsch zu machen. Kurz: dass er seinem Amt nicht gewachsen sei. Und da sei ihm im Traum ein Engel erschienen und habe zu ihm gesagt: Johannes, nimm dich nicht so wichtig! Ähnlich äußerte sich die hl. Teresa von Avila, beruflich eine Art Äbtissin, über das Älterwerden: Halte dich nicht für unersetzbar! Komm deinen Illusionen auf die Spur. Hüte dich vor Schmeichlern, und hänge auch Kränkungen nicht zu sehr nach. Denk nicht, du müsstest zu allem und jedem deine Meinung zum Besten geben. Denk auch nicht, du wüsstest alles besser. Lass dich warnen vor der Rechthaberei. Versuch dich nicht aufzuspielen und wichtig zu machen.
Und so fährt sie fort und gibt uns gute Hinweise, was Klugheit und was Demut sein könnte: Die Kunst, sich selber durchaus ernst zu nehmen, aber nicht zum Mittelpunkt der Welt zu werden. Diese Rolle spielt ein anderer - und im Blick auf ihn erkenne ich meine Grenzen an - zuletzt die Grenze meiner Endlichkeit.


Hören wir weiter auf die Lesung. Paulus fährt fort: Darum „Nutzt die Zeit“! Er meint das sicher nicht im Sinne heutiger Manager: Nutzt die Zeit - denn Zeit ist Geld! Das wäre dem Paulus sehr fremd. Er versteht es anders, warum die Zeit so kostbar ist. Sei aufmerksam für den Augenblick - in ihm könnte Gott bei dir „anklopfen“, durch einen Menschen, durch eine bestimmte Situation, durch eine Not - und du kriegst es nicht mit, du bist nicht „zuhause“, du machst nicht auf. Den rechten Augenblick sollst du nicht verpassen. Jetzt ist die Zeit, jetzt ist die Stunde, morgen kann es schon zu spät sein. Diese wache Geistesgegenwart hat wieder viel mit Klugheit und Demut zu tun: Wenn ich ständig mit mir selbst beschäftigt bin, wenn ich ständig nur „mein Ding durchziehe“, dann kann ich nicht aufmerksam sein, dann bin ich immer nur bei mir, nicht beim Anderen, nicht bei Gott. Wie will man dann, so Paulus, begreifen, „was der Wille des Herrn ist“? Vielleicht sind wir es gewohnt, ohne jeden Abstand zu uns selber immer nur dem eigenen Willen zu folgen, die eigenen Bedürfnisse zu stillen. Paulus regt uns an, dann neu nach dem „Willen des Herrn“ zu fragen. Was könnte Gott von mir wollen - heute, morgen, für mein ganzes Leben?


Diese Fragestellung dürfen wir als Christen nicht vergessen und nicht beiseiteschieben. Was will Gott von mir? Strengen wir uns ruhig an mit Versuchen der Antwort. Sie werden unser Leben bereichern, vielleicht sogar unserem Leben eine andere Richtung geben. Und wir werden erfahren, was Paulus ganz zum Schluss schreibt: Sagt Gott jederzeit Dank für alles - im Namen Jesu Christi, unseres Herrn! Wer weise und demütig ist, wird mit dem Dank beginnen. Und mit dem Dank enden.