Brotvermehrung, Sterntaler

Predigt am 26.07.2015

Kennen Sie noch das Märchen von den Sterntalern? Ein Kind, ein Mädchen geht in die Welt hinein, ins Feld, in den Wald. Es ist bitterarm, besitzt nur, was es am Leibe trägt - und es begegnet noch Ärmeren, die das Kind anbetteln: Ich habe Hunger! Und ich friere! Das Kind gibt ab - bis zum letzten Hemd. „Und wie es so dastand und gar nichts mehr hatte, fielen auf einmal die Sterne vom Himmel, und obwohl es sein Hemd weggegeben, so hatte es ein neues an, das war von allerfeinstem Linnen. Da sammelte es die Sterne hinein und war reich für sein Lebtag."


Sind uns auch schon einmal die Sterne vom Himmel gefallen - und wir konnten sie sammeln und waren reich durch sie, innerlich reich? Konnten sie einsammeln sozusagen "in dem neuen Hemd" - da, wo wir selbstlos waren und nicht rechneten und das Glück nicht im Nehmen, sondern im Geben lag? „Denn die Freude, die wir geben, kehrt ins eigne Herz zurück," habe ich früher als Spruch ins Poesiealbum geschrieben. Die Sterne, die vom Himmel fallen, laden uns zur Selbstlosigkeit, zum Teilen, zum Geben ohne Absichten und Hintergedanken ein.


Auch in unserem Evangelium ist es ein Kind, das gibt - ein Junge. Warum führt der Evangelist Johannes diesen kleinen Jungen mit seinen fünf Broten und zwei Fischen ein? Weil ein Kind, vor allem in der damaligen Zeit, für Armut steht. Es hat kein Geld, keine finanziellen Polster. Ein Kind lebt von den Eltern und dem, was man ihm gibt. Selber hat es nichts. Und wenn dieser Junge nun fünf Brote und zwei Fische mitbringt, dann gibt er alles her: das Letzte, was er hat. Er legt kein Brot zurück zum Selberessen. Er ist wie ein Bruder des Sterntalermädchens.


Nun, sind diese beiden Kinder in unseren Augen ein wenig verrückt? Geben alles ab, behalten nichts für sich? Was würden wir sagen, wenn die eigenen Kinder oder Enkel solche Anwandlungen hätten und alles weg gäben an Ärmere? Ich meinerseits spüre bei mir immer eine Mischung aus Verärgerung und Unverständnis und auch etwas Bewunderung, wenn meine Freunde aus Afrika das Wenige, das sie haben, in ihre Heimatländer an ihre Familien schicken, die meistens enorme finanzielle Nöte und Probleme haben. Unverständnis, weil sie selber hier kaum klar kommen - und Bewunderung, weil sie sich so stark verantwortlich fühlen für ihre fernen Familien. Die Gefühle gehen da wirklich beim Zusehen durcheinander!


Unverständnis und Freude! Vielleicht auch beim Hören dieses Evangeliums? Unverständnis, dass einer alles abgibt und nichts für sich behält. Und Freude, dass Gottes Segen darauf liegt und etwas Wunderbares in Gang kommt: Alle aßen und wurden sat. Zwölf Körbe bleiben übrig. In der Sprache des Märchens: Die Sterne fallen vom Himmel und machen reich.


Alles zu geben - das geht nur in einem großen Vertrauen. Genauso wie: etwas beginnen, obwohl kaum was da ist. Nur fünf Brote und zwei Fische. Der berühmte Tropfen auf dem heißen Stein. Der gesunde Menschenverstand sagt: Lass die Finger davon. Das klappt niemals! Da wird nichts draus! Und man fängt erst gar nicht an.


Andere fangen an, ziehen los, haben ein Vertrauen, mit dem man Berge versetzen kann. Sie haben eine große Idee, eine Vision, aber stehen erstmal allein, und Geld und andere Mittel haben sie auch nicht. Aber sie beginnen. Sie wagen es!
Mutter Teresa z.B. sah die riesige Not in ihrer Stadt Calcutta. Anfangs stand sie allein. Aber ihre Liebe zu den Armen steckte an. Zwanzig Jahre später hatte sie zweitausend Schwestern hinter sich. Wunderbare Menschenvermehrung! Ansteckung im Guten! Und die Sterne fielen für viele Arme und Sterbenskranke vom Himmel und machten sie reich, zumindest in ihren letzten Lebenstagen reich an Würde, weil man sich um sie kümmerte, weil sie eine Liebe spürten, die wie vom Himmel


Liebe Schwestern und Brüder, sechsmal erzählt das Neue Testament von der Speisung einer großen Menge, von der "Brotvermehrung", wie wir sagen. Das muss den Evangelisten doch ganz wichtig gewesen sein, dass sie so oft davon sprechen! Welche Rolle spielt Jesus in der Geschichte? Es heißt: „Jesus nahm die Brote (die des Jungen, die letzten, die er hat), sprach das Dankgebet und teilte an die Leute aus, so viel sie wollten." Hat irgendjemand von Ihnen an dieser Stelle das Wort "wunderbar vermehren" entdeckt? Nein, es steht nicht da, sondern nur: die Brote des kleinen Jungen nehmen, - das nehmen, was da ist, auch wenn es nur ganz wenig ist -, zum Himmel aufschauen und austeilen. Das und nur das tut Jesus hier auf einem Schauplatz großer Armut. Wie die anderen hat auch Jesus selber nichts, denn seine Taschen sind wie immer leer. Aber er stellt sich der Situation, schickt die Leute nicht weg, sagt nicht: Ich bin da ein bisschen überfordert, was soll ich denn machen? In großem Vertrauen teilt er aus, was da ist: das Wenige. Und es reicht für alle, sagt das Evangelium. Nicht, weil Jesus eine Art Magier ist, der unsichtbar einen Zauberstab schwingt, wie wir vielleicht als Kinder gedacht haben, sondern eher, weil Jesus das Wort "unmöglich" nicht kennt und nicht kennen will. Kurt Marti, ein Dichter und Pfarrer aus der Schweiz, schrieb einmal:


Wo kämen wir hin
wenn alle sagten:
Wo kämen wir hin
und keiner ginge
um nachzuschauen
wohin man käme
wenn man ginge.


Jesus ist der, der nachgeschaut hat, der gegangen ist, der es wagt, der begonnen hat, der austeilt, der ganz und gar, mit Haut und Haar, Vertrauen lebt. Und das steckt an. Wo kämen wir hin, wenn jeder lernen würde zu geben, was er hat - auch das Geringe, das Wenige einsetzt, ohne sich an seine Sicherheiten und an seinen Besitz zu klammern! Wo käme die globalisierte Welt mit ihren Reichen und mit ihren Armen hin, wenn das Beispiel Jesu und des kleinen Jungen im Evangelium Schule macht!


Eine ganz neue Kraft des Lebens wird uns da von Johannes in seinem Evangelium erzählt: wirklich ein Wunder! Die 5000 damals haben es kaum begriffen, das Wunder. Sie wollten Jesus anschließend zum König machen, zum Brotlieferanten, der ihnen ihre Probleme löst, mittels Brotvermehrung. Sie haben kaum begriffen, dass das Wunder auch durch ihre Hände gehen muss, durch Hände, die geben, die teilen und austeilen. Begreifen wir es, dass auch unsere Hände gemeint sind?