Im Schwachen stark

Sonntag - 04.07.2015

Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark. Es ist schon erstaunlich: Da schreibt einer einen großen langen Brief - Paulus schreibt nach Korinth, in die Gemeinde, die er gegründet hat -, und eigentlich müsste er sich selber empfehlen und eine ordentliche Position Selbstlob einbauen. Denn die Leute fragten sich bei Paulus oft: Was will der eigentlich? Was bildet der sich ein? Er kommt daher und hat Jesus nie gesehen, er hat die ersten Christen verfolgt, und jetzt will er uns den Glauben predigen? Paulus muss sich immer wieder rechtfertigen und zeigen, dass er den zwölf ursprünglichen Aposteln wie Petrus und Johannes nicht nachsteht. Aber hier in dieser Lesung kommt kein Selbstruhm - vielmehr schreibt Paulus ganz offen von seiner Schwäche.

Die eigenen Schwächen nennen? Wer tut das? Paulus deutet an: Da ist ein Stachel in meinem Fleisch, ein Bote Satans schlägt mich mit Fäusten. Man vermutet: Paulus war krank. Man spricht von Epilepsie. Wahrscheinlich wäre er heutzutage in psychiatrischer oder neurologischer Behandlung. Aber wer gibt so etwas zu? Denken Sie an den Todespiloten Andreas Lubitz, der das Flugzeug von Germanwings gegen die Berge in den französischen Alpen geflogen hat. Sie erinnern sich: Er hatte Depressionen. Er war psychisch nur begrenzt belastbar. Aber das durfte nicht herauskommen. Niemand durfte das wissen. Vor allem nicht der Arbeitgeber. Denn dann wäre er wohl seinen geliebten Pilotenberuf los. Und so begann ein Versteckspiel, so begann ein innerer Druck, aus dem er nicht herausfand. Ein extremes Beispiel dafür, dass man seine Schwächen in der Regel nicht öffentlich ausbreitet, wie Paulus das hier tut, sondern sie versteckt, verschweigt, geheim hält.

Bloß keine Schwäche zeigen! Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, wie z.B. die Politiker, halten es für eine Katastrophe, wenn ihre Schwäche herauskommt - ihre Krankheit, ihre Sucht. Das fördert nicht die Karriere! Tief in ihnen ist eingeschrieben: Alles muss perfekt scheinen. Und so bauen sie schöne Fassaden auf. Wer in Amerika Präsident werden will, zeigt sich nicht mehr mit Brille – das verrät ja eine Sehschwäche, die das schöne Bild stört. Wie viel Energie geht heutzutage in dieses Versteckspiel, in dieses Retuschieren der eigenen Person!

Gestern Nachmittag habe ich diese Gedanken in der Messe im Krankenhaus Hellersen gesagt. Da - im Krankenhaus - geht es nicht so zu. Da hat die Krankheit und Schwäche ihr Recht und ihren Platz. Sie hier zu verstecken wäre töricht und gefährlich. Insofern ist das Krankenhaus ein Ort der Wahrheit und auch der Befreiung: Du musst nicht immer stark sein. Du musst hier kein Schauspiel abliefern. Du musst nicht mehr scheinen als sein. Du kannst zu Deiner Schwäche stehen. Du kannst hier der sein, der du wirklich bist: der Mensch mit seinen Nöten und Ängsten, der Mensch mit seinen Krankheiten und Grenzen!

In der Kapelle des Krankenhauses - und nicht nur da - sagt Jesus zu allen, die ihn hören wollen, Gesunden wie Kranken: Werft eure Lasten auf mich! Versteckt sie nicht länger. Vertraut sie mir an! Davon lebt die Beichte. Davon lebt die Seelsorge. Davon lebt unser ganzer Glaube. Wenn ich schwach bin, kann Gott anders in mir wirken. Seine Kraft kann dann meine schwachen Kräfte stützen und beleben. So ist meine Schwachheit eine Chance Gottes. Wenn ich stark bin, neige ich dazu, auf mich selber zu bauen und mich selber zu rühmen. Alles ist mein Werk, mein Verdienst, meine Leistung. Gott bleibt dann oft genug „außen vor“.

Paulus hat es erfahren und hat es beschrieben: Gottes Gnade genügt mir. Sie erweist ihre Kraft in meiner Schwachheit. Deswegen bejahe ich meine Ohnmacht und alle meine Leiden, denn wenn ich schwach bin, dann bin ich stark, stark durch Gottes Kraft!

Bei diesen Worten des Paulus muss ich an Samuel Koch denken. Kennen Sie ihn noch? Der junge Student und Kunstturner, ein gläubiger Christ, hat vor ein paar Jahren bei Thomas Gottschalk in „Wetten dass?“ mitgemacht, ist mit Vorwärtssaltos über fahrende Autos gesprungen, hat dann das Auto, das der eigene Vater steuerte, falsch eingeschätzt und blieb schwer verletzt liegen. Querschnittsgelähmt! In seiner Biografie schreibt er: „Mein Körper ist futsch und ich kann damit nichts mehr anfangen. Deshalb gebe ich ihn ab: Hier, Gott, hast du meinen Körper, meinen Geist, ich selber habe keinen Plan mehr. Aber du hoffentlich schon. Mach damit, was du willst, und am liebsten sofort!“ Samuel Koch hat den schweren Unfall, der sein Leben völlig änderte, nicht so sehr als furchtbare Katastrophe genommen, sondern als Chance zu neuem inneren Wachstum. Gebe Gott uns allen, dass wir mit unserer Schwachheit so hoffnungsstark umgehen können; wie Paulus damals, wie Samuel Koch heute!