Laudato si - Zur neuen Enzyklika des Papstes

Sonntag - 28. Juni 2015

„Laudato si“ ist ein schönes Lied. Die Kinder freuen sich, wenn das Lied dran ist, und singen es aus Leibeskräften mit. Es liegt an der Melodie, aber sicher auch am Text. Die ganze Schöpfung Gottes wird aufgeboten: von der Sonne über Wind und Wetter hin zu Berg und Tal, zu Tieren und Vogelgesang. Und dann der Mensch und schließlich das beste Gottesgeschenk: Jesus Christus. Das kann man schön besingen, aber man muss auch etwas tun für die Schöpfung, dass sie so anziehend und großartig erfahrbar bleibt. Denn der Mensch, der sich gern als „Krone der Schöpfung“ sieht, hat sich sehr breit gemacht. Die Krone wird langsam zur Dornenkrone. Umweltverschmutzung, Vernichtung des Regenwaldes, verpestete Luft und so vieles mehr - der Mensch schadet sich selber und stört die Natur - und die schlägt zurück: der Klimawandel schreckt uns auf, das Wetter spielt verrückt, Hurrikans, Überschwemmungen, Naturkatastrophen bedrohen immer mehr Menschen. Das ist vielen sehr bewusst. Die öffentliche Meinung ist besorgt. Aber es passiert nicht viel. Die Politiker weltweit schaffen es nicht, sich zu einigen. Und die Mehrheit der Bürger scheut davor zurück, den Lebensstil zu ändern. Wie, weniger Auto zu fahren? Weniger ins Flugzeug zu steigen? Neue nachhaltige Energien ausprobieren - Solarstrom statt Erdöl? Auf Konsum verzichten? Aufhören, alles achtlos wegzuwerfen? Möglichst nur Dinge mit ökologischem Qualitätsstempel einkaufen? Da muss man ja einen Euro mehr bezahlen!

„Laudato si“ - das ist seit zehn Tagen noch etwas anderes. Ein großartiger Text von Papst Franziskus: die erste Enzyklika der Päpste zur Umweltfrage. Der Papst hat seinen Namenspatron nicht vergessen: Franz von Assisi. Der Heilige mit dem Sonnengesang. Bruder Sonne, Schwester Mond, so sang Franziskus. Er war ja der Heilige, der den Vögeln predigte, d.h. eine unglaubliche Nähe und Liebe zur Schöpfung hatte. Der Papst aus Südamerika teilt diese Liebe und hat in seinem Kontinent erlebt, wie gerade dort die Schöpfung rücksichtslos ausgeplündert wird - wirklich „ohne Rücksicht auf Verluste“. Der natürliche Lebensraum, etwa der Regenwald in Amazonien, wird abgeholzt. Stattdessen legt man dort riesige Weideflächen für die Rinder an, die dann später als Steaks bei uns enden. Der Papst redet Klartext, wird sehr konkret, prangert die Vermarktung der Welt an, die Profitgier, die sich über alle sozialen und ökologischen Rücksichten hinwegsetzt. Kritiker, vor allem aus den USA, werfen dem Papst Einseitigkeit oder Naivität oder Weltfremdheit vor. Aber die allermeisten Kommentatoren sagen: Der Papst hat recht. Er sagt unbequeme Wahrheiten. Er liefert den Politikern eine Steilvorlage für die kommenden Debatten und Konferenzen zum Klima und zum ganzen Umweltthema.

Ist das eigentlich die Aufgabe eines Papstes, sich dazu zu äußern? Ja sicher, weil es um den Menschen, ja um die Menschheit geht. Und weil der Papst, und wir mit ihm, aus einer Quelle schöpfen können, die „Glaube an Gott, den Schöpfer“ heißt. Gott hat die Welt erschaffen, er ist ihr eigentlicher Herr, und dieser Glaube hat Folgen! Nämlich: Die Erde wurde uns geliehen. Sie ist eine Leihgabe; sie gehört uns nicht! Mensch und Tier und Natur gehören zusammen, sind alle Teil der einen Schöpfung.

Öko - das kommt aus dem Griechischen und heißt: bewohnbares gemeinsames Haus - für alle. Alles ist miteinander untrennbar verbunden. Meer und Wasser, gute Luft, die Atmosphäre über der Erde sind kein Privatbesitz von Ländern, Firmen oder reichen Leuten. Sie stehen allen gemeinsam, d.h. der Menschheit als ganzer, zur Verfügung. Wenn nun der Mensch wie ein wuchernder Krebs die natürlichen Grundlagen überwuchert und rücksichtslos ausbeutet, dann leidet die ganze Schöpfung. „Sie seufzt und stöhnt“, schrieb schon der Apostel Paulus. Über das Aussterben unzähliger Pflanzen- und Tierarten schreibt der Papst: „Unseretwegen können bereits Tausende Arten nicht mehr mit ihrer Existenz Gott verherrlichen.“ Der Papst weiß: Die Veränderungen - wie der Klimawandel - sind nicht „vom Himmel gefallen“; sie sind vom Menschen gemacht, sind von uns verschuldet und von uns zu verantworten! Darin steckt etwas Gutes: Was von Menschen verursacht ist, kann auch von Menschen verändert und besser gemacht werden, wenn sie dazu bereit sind. Wer hat die Erde und die wunderbare Meereswelt in eine unermessliche Mülldeponie verwandelt? Wie kann man auf die Idee kommen, hochgiftige Abfälle aus Europa zur Entsorgung in ganz arme Länder Afrikas zu exportieren? Überhaupt sind die Armen dieser Welt die Hauptleidtragenden. Sie müssen die Zeche für alle bezahlen. Bei ihnen wird es immer lebensfeindlicher: durch wachsende Hitze, durch zunehmende Unwetter, durch Knappheit des Wassers, durch buchstäbliche „Verwüstung“ ihrer Länder. Die Armen haben im Papst ihren großen Fürsprecher.

Der Papst empfiehlt, „einen kleineren Gang einzulegen“ und nicht ständig wachsende Wirtschaftsdaten zu erwarten, „damit wir die Werte wiedergewinnen, die durch einen hemmungslosen Größenwahn in Wirtschaft und Finanzwesen vernichtet wurden“. Er ruft auf zur Umkehr und zu einer Stärkung des Gleichgewichts: „das innere Gleichgewicht mit sich selbst, das solidarische mit den anderen, das natürliche mit allen Lebewesen und der Natur und das geistliche mit Gott“.

Die ganze Enzyklika ist über 200 Seiten lang. Unglaublich viel wird darin angesprochen. Ich konnte nur einige Grundlinien andeuten. Das Thema ist überaus wichtig für die Zukunft, für ein gutes Leben und Überleben der Menschheit. Und es muss immer wichtiger werden in der Kirche! Denn im Schöpfer - Gott - ist die Quelle zu finden, die das „große Gleichgewicht“ beleben und erneuern kann.