Hugo Klink +

Auferstehungsmesse - 30. April 2015

In den letzten Monaten seines Lebens hat Hugo Klink wohl seinen Tod geahnt. Es war nicht seine Art, dies direkt anzusprechen, er tat es indirekt. So schaute er immer wieder Totenzettel an und las und zitierte häufig mit bewegter Stimme das Gedicht „Die Uhr“, einen Text des 19. Jahrhunderts, der sehr deutlich macht: Wir sind vergängliche Menschen, der Zeit unterworfen, und die Uhr gibt den Takt dazu, ehe sie ihre Macht aufgibt und den Menschen in die Ewigkeit freilässt, wo keine Zeit mehr gilt und die Uhren nicht mehr ticken:

Ich trage, wo ich gehe, stets eine Uhr bei mir,
wieviel es geschlagen habe, genau seh ich an ihr.
Vielleicht hat Hugo Klink seine Lebensgeschichte in diesen Zeilen wieder erkannt, die bewegte Geschichte von 84 Jahren in einem sehr bewegten Jahrhundert:
Ich wollte, sie wäre rascher gegangen an manchem Tag;
Ich wollte, sie hätte manchmal verzögert den raschen Schlag.
In meinen Leiden und Freuden, in Sturm und in der Ruh,
was immer geschah im Leben – sie pochte den Takt dazu.

Und es geschah vieles in diesem Leben: Bewegtes, Aufregendes in den jungen Jahren und dann ein ruhigerer Rhythmus in den langen Jahrzehnten in Lüdenscheid. Ostpreußen ist seine Heimat. In der Familie liegt das Lehren in den Genen; der Vater ist Lehrer im Dorf, drei der vier Kinder drängt es ebenfalls in den Lehrberuf. 1945 geht die Heimat verloren; das bleibt eine lebenslange Wunde, eine wehmütige Erinnerung. Zwei Fluchtversuche: einer über das vereiste frische Haff scheitert, erst der zweite - ein Flüchtlingstreck mit Leiterwagen und dann per Schiff – gelingt. Wer denkt da nicht an die Gefahren, an die untergegangene „Wilhelm Gustloff“ mit 9000 Toten, daran, dass man wirklich auf sehr brüchigem Eis lief. Wie mag sich das alles ausgewirkt haben in der Seele eines 15jährigen - welches Nachdenken über das Leben und seine Zerbrechlichkeit.

Dann neue Lebensorte: kurz Lüneburg, danach Körbecke bei Warburg. Armut, sehr einfaches Leben, aber die ganze Familie wieder vereint. 1951 Abitur und pädagogisches Studium. Viele Freunde aus dieser Zeit – bis heute. Das Leben etabliert sich. Im Gedicht von der Uhr heißt es:

Sie schlug am Sarge des Vaters, sie schlug an des Freundes Bahr,
sie schlug am Morgen der Liebe, sie schlug am Traualtar.
Sie schlug an der Wiege der Kinder, sie schlägt, will´s Gott, noch oft,
wenn bessere Tage kommen, wie meine Seele es hofft.

Die besseren Tage kommen. Feste Anstellungen als Lehrer – in Mühlenrahmede, 1956 bis 1965 an der Overbergschule, schließlich neunundzwanzig Jahre lang die Leitung der Adolf-Kolping- Schule, bis zur Pensionierung 1994. Generationen von Schülern haben ihn erlebt. Er ist eine der großen Lehrergestalten in unserer Stadt - fast eine „Schullegende“. Einer, der einer Berufung folgt, nicht bloß einen Job erledigt. Die Nähe zur Natur, zum Wandern, zum Skifahren, das Staunen über die Technik, die genaue Beobachtung der Phänomene, etwa des Wetters, das gibt er weiter an seine Schüler. Kurz gesagt: die Liebe zur Schöpfung. Das Ernstnehmen der Werte, die er vor allem im Glauben findet, in einer betont wertkonservativen Haltung.

Die besseren Tage kommen - und bleiben lange. 1974 heiratet der Rektor seine Frau Bärbel, Lehrerin an der Kolping-Schule. Die Kinderwiege füllt sich zweimal mit Söhnen, seinem ganzen Stolz. Ein eigenes Haus am Oeneking entsteht bald darauf. Dem Rektor und Familienmensch bleibt dennoch Zeit für weitere Engagements: im Sport als Übungsleiter der DJK, in Bildungsfragen als Vorsitzender des Verbandes „Bildung und Erziehung“, in der Wetterkunde als Leiter der Wetterstation nach seiner Pensionierung.

Hugo Klink war ein tief gläubiger Mensch. Er sah Gott in der Schöpfung und im eigenen Leben am Werk. In dem Gedicht von der Uhr wird dieser Gott, einem Bild der damaligen Zeit folgend, als der „Meister“, der große Uhr-Macher angesprochen:

Es ist ein großer Meister, der künstlich ihr Werk gefügt,
wenngleich ihr Gang nicht immer dem törichten Wunsche genügt.
Und ward sie auch einmal träger, und drohte zu stocken ihr Lauf,
so zog der Meister immer großmütig sie wieder auf.
In den letzten Jahren stockte es im Leben von Hugo Klink. Ein Schlaganfall im Januar brachte ihn an seine Grenze: „Ich kann nicht mehr!“ Ängste und schwermütige Verwirrungen plagten ihn. Seine Leidenszeit war nicht zu lang bemessen; er starb am 24. April im Seniorenheim am Oeneking.

Das Gedicht von der Uhr schließt:

Dann müsst ich zum Meister wandern, der wohnt am Ende wohl weit,
wohl draußen, jenseits der Erde, wohl dort in der Ewigkeit!
Dann gäb ich sie ihm zurücke mit dankbar kindlichem Flehn:
Sieh, Herr, ich hab nichts verdorben – sie blieb von selber stehn.

Wer zurückbleibt, spürt es: Die Uhr hat ausgedient. Die Zeit gilt nicht mehr. Die Uhr ist stehen geblieben. Aber ein unsichtbarer, innerer Weg geht weiter – hin zu dem Gott, dem Ursprung und Ziel, der uns das Leben gab, und der es wieder zurück nimmt - in seine Liebe, in seine Ewigkeit. Und so sind wir jetzt hier, um Hugo Klink aus unseren Händen, aus unserer Zeit zu geben und ihn mit großem Dank ganz den Händen des ewigen Gottes anzuvertrauen.