Derr Herr, mein Hirte

Sonntag - 26. April 2015

„Der Herr ist mein Navi: Nichts werd ich verfehlen…“, dichtete Andreas Knapp den berühm-ten Psalm 23 nach. Die Kommunionkinder, mit denen ich darüber sprach, haben dieses Bild sofort verstanden. Navi, Wegweiser, einer, der zum Ziel hinführt. Und dann kamen sie selbst auf andere Bilder: Der Herr ist mein Trainer, mein Coach. Das Bild vom Hirten war zwar verständlich für sie, blieb aber blass und fern - kaum einer von ihnen hatte je mit eigenen Augen eine Schafherde und einen Hirten gesehen.

Ganz anders natürlich in biblischen Zeiten. Hirte, das war ein gängiger Beruf, wie heute die Büroangestellte oder der Informatiker. Wahrscheinlich war er nicht sehr angesehen und alles andere als romantisch. Die Hirten waren oft Nomaden, zogen mit ihren Herden herum, von einer Wasserstelle zur anderen, waren bei Wind und Wetter draußen, rochen vermutlich auch etwas streng! Das sesshafte Leben, vor allem das Leben in der Stadt, galt als angenehmer. Aber diese Außenseiterrolle hatte ein enges Verhältnis des Hirten zu seiner Herde zur Folge. Der Hirte trug Verantwortung für sie, er kannte seine Tiere, hatte vielleicht sogar Namen für sie. Sie hörten auf seinen Pfiff, auf seine Stimme. Er sorgte für sie, führte sie an, beschützte sie in Gefahren. Er war für die Herde da, gerade für die Schwachen und die, die nicht mitkamen. Ähnlich wie Eltern, die ihre Kinder umsorgen und nicht flüchten, wenn es brenzlig wird. Und im Unterschied zum heutigen Navi-Bild war der Hirte eine wirkliche Person, nicht bloß eine Stimme aus einem Apparat.

Man kann gut verstehen, dass die Bibel das Hirtenbild gerne aufgreift und z.B. auf die Könige Israels anwendet. Die Propheten tun das sehr kritisch: die Könige sind durchweg schlechte Hirten. Ezechiel etwa schreibt sinngemäß: „Diese vermeintlichen Hirten sehen am Schaf nur den Nutzwert, interessieren sich nur für Wolle, Milch und Fleisch. Die Schafe selber sind ihnen egal!“ Er hat Könige im Blick, die die Menschen ausbeuten, sie für sich schuften lassen oder ihnen Kriegsdienste abpressen, aber am Menschen selber kein Interesse haben. Wie aktuell das geblieben ist, nur den Nutzwert zu sehen, die Frage in den Vordergrund zu rücken: Was habe ich davon?

Das, sagt die Bibel, ist nicht der Wille Gottes. Das ist nicht sein Modell für ein gerechtes Zusammenleben der Menschen, für eine gute tragfähige Gesellschaft. Und so rückt ein Gegenbild zu den schlechten Königen, den schlechten verantwortungslosen Hirten in den Mittelpunkt: der gute Hirte! Ein neues Leitbild ist entstanden, und es ist ein Leitbild nach dem Bilde Gottes: Er selber ist der gute Hirte. Jahwe - der Gott, der von sich sagt: Ich bin da für euch! Ich lasse euch nicht im Stich! Und so kann denn der Mensch in den Psalmen beten (in einer aktuellen, freien Übersetzung des holländischen Dichters Huub Oosterhuis):

Du mein Hirte? Nichts würde mir fehlen.
Führ mich zu blühenden Weiden, lass mich lagern an strömendem Wasser, dass meine Seele zu Atem kommt, dass ich die rechten Pfade wieder gehen kann – dir nach.
Du mein Hirte? Nichts soll mir fehlen.
Muss ich in den Abgrund, in die Todesschlucht, dann packt mich Angst. Bist du bei mir, werde ich nicht sterben vor Angst.
Du mein Hirte? Nichts wird mir fehlen.
Lass es so bleiben, dieses Glück, diese Gnade, all meine Lebenstage. Dass ich bis ans Ende meiner Jahre wohnen werde in deinem Haus. Du mein Hirte, nichts wird mir fehlen.

Ja, so kann man beten. Und so wächst aus der Frage: Du mein Hirte? die Zuversicht: Ja, du bist es, du bist der Mitgeher, und nichts wird mir fehlen - in deinem Haus, in dem Leben, das ich mit dir lebe.

Im Johannesevangelium überträgt Jesus das Hirtenbild von Gott auf sich selber: Ich bin der gute Hirt! Und er nennt den Extremfall dessen, was einem Hirten in allen Gefahren etwa mit wilden Tieren, mit den Wölfen damals und heute drohen kann: Der gute Hirt gibt sein Leben hin für die Schafe. Er gibt alles, er gibt sich selbst!

Heute ist der Sonntag der Geistlichen Berufe. Diejenigen, die einen Beruf in der Kirche, in der Seelsorge oder im Kloster anstreben, sind konfrontiert mit solchen großen Idealbildern wie dem guten Hirten. Ein Pastor etwa (das heißt ja: Hirte) bemüht sich, seinen Beruf als Lebensbeziehung zu Gott und zu den Menschen zu sehen, nicht als Lohnberuf und nicht als Job „auf Zeit“. Aber manchmal seufzt er im Stillen: Das ist alles zehn Nummern zu groß für mich: Tag und Nacht erreichbar, ständig im Dienst, sich ganz und gar hingeben und aufreiben für die Anderen? Wie kommt mein armseliges Menschsein mit diesem großen Leitbild zusammen? Darf ich wenigstens manchmal ein müder und erschöpfter Hirte sein?

Einen ähnlichen „Biss“ durch die Realität muss wohl auch der evangelische Pastor Siegfried Eckert gespürt haben, als er im Blick auf die Herde dieses Gebet schrieb
(aus: Gott in den Ohren liegen, S.69):

Christus, guter Hirte, sieh deine Herde an, wie sie nach frischem Wasser sucht und dabei oft nur im Trüben fischt.
Sieh an: die Opferlämmer, wie sie sich die Nöte der anderen aufhalsen, bis sie daran zerbrechen.
Sieh an: die Unschuldslämmer, wie sie sich mühen, ihre weißen Westen rein zu halten und nicht merken, wie dreckig es ihnen dabei ergeht.
Sieh an: die schwarzen Schafe, wie sie gegen den Strom schwimmen und wie Aussätzige draußen vor den Türen auch unserer Kirchen stehen.
Sieh an: die dickköpfigen Böcke, die sich selbstgewiss in den Vordergrund spielen und andere den Abhang hinunterschubsen.

Christus, guter Hirte: Kraft und Gnade brauchen alle, die in deiner Kirche wirken. Zuversicht und Mut brauchen alle, die sich zu deiner Herde zählen - und: Keiner braucht in deiner Kirche wie ein dummes Schaf behandelt zu werden.

Ja, so ist die Herde oft, und so sind die Hirten. Selber niemals ideal, tragen sie ihre Grenzen und Schwächen mit sich auf die Weide. Aber sie müssen auch nicht unter dem ständigen Anspruch stehen, ideal und perfekt zu sein. Der Aufblick zu dem einen guten Hirten Jesus Christus soll nicht Druck machen (du musst auch so sein!), sondern hilft, dass Zuversicht und Mut in uns wachsen. Und die Bereitschaft, sich diesem einen guten Hirten anzuvertrauen – immer wieder neu.