Fische und verschlossene Türen

Sonntag - 18. April 2015

Trotz bunten Ostereiern und Osterhasen: Ostern ist ein schwieriges Fest und im Vergleich mit Weihnachten auch nicht besonders gefühlsbeladen und volkstümlich. Ein Tag für Ausflüge in den frischen Frühling hinein, eine Zeit, um zu verreisen. Die Umfragen in der Bevölkerung: Warum wird Ostern gefeiert? beantwortet jeder dreißigste jüngere Deutsche so: Weil Jesus da geheiratet hat. Und jeder fünfte meint: Weil Jesus da geboren ist. Wenn einer sich besser auskennt und das Wort „Auferstehung“ fallen lässt, heißt das noch lange nicht, dass er mit dem Wort auch etwas anfangen kann.

Auch bei gläubigen Menschen ist es so, dass uns, was Ostern angeht, eigentlich die Worte fehlen. Und das braucht uns nicht zu wundern, das liegt in der Natur der Sache! Das Fest hat ein Geheimnis, dass sich kaum in Worte fassen lässt. Wir kapitulieren mit unserer Sprache ja schon vor einfacheren Dingen. Da soll einer ein großes Konzert beschreiben, aber er bringt nur heraus: Man muss es mit eigenen Ohren gehört haben! Andere erleben ein überwältigendes Naturereignis, einen fantastischen Ausblick von den Bergen, und sagen dann: Mir fehlen die Worte! Ein Genießer hat ein wunderbares Abendessen hinter sich und seufzt: Unbeschreiblich! Und auch in Liebesdingen lässt sich oft nur stammeln.

„Unbeschreiblich“, „stammeln“ - so fängt Religion an, so fängt Glaube an. Es fängt an mit dem Staunen. Und das Staunen „über Gott und die Welt“ sollte nicht nur am Anfang sein, sondern uns immer begleiten. Das Staunen und die Dankbarkeit. Wenn das abstirbt und das „Unbeschreibliche“ zerredet worden ist und nicht mehr aufhorchen lässt, dann wird der Glaube eine ziemlich müde Sache, die einen nicht mehr bewegt. Wenn aber das Staunen bleibt - über unseren geheimnisvollen Gott und seine Wunder -, dann hält sich der Glaube frisch.

Im Blick auf Ostern können wir nur stammeln, weil wir nur staunen können. Vielleicht wie die Kinder, die das Staunen noch nicht verlernt haben. Den Kindern erzähle ich gerne einen Vergleich: von Raupe und Schmetterling. Was würde die Raupe staunen, wenn sie sich als Schmetterling sehen könnte! Wie, das bin ich? würde sie staunen. So anders, so schön? Eine solche Verwandlung ist möglich? Und es bleibt doch dasselbe Lebewesen? Ja; eine solche Verwandlung wird zu Ostern gefeiert. Jesus als erster der Menschen beginnt wie der Schmetterling ein neues Leben, geht durch die große Verwandlung des Todes hindurch - und bleibt doch derselbe. Paulus ist der erste, der davon schreibt. Geradezu stammelnd tut er das, wie erschlagen von der Botschaft: Jesus lebt! Er hat sich gezeigt! Er ist erschienen! Wortkarg kommt das daher, ohne Ausschmückung. Kein Wort zu viel. Nichts über das „Wie“. Es bleibt unbeschreiblich. Ein Geheimnis. Aber alles hängt daran: „Wenn Christus nicht auferstand, dann ist unser Glaube vergeblich, sinnlos – dann könnten wir einpacken,“ schreibt Paulus.

Ja, die Evangelisten haben es nicht leicht. Sie wollen erzählen, sie wollen schreiben - aber beschreiben Sie mal das Unbeschreibliche! Das, was uns übersteigt, wofür uns die Worte fehlen! Die Evangelisten tun das so. Sie schreiben z.B.: „Jesus kommt durch verschlossene Türen.“ Kann das jemand, mit seinem Leib durch verschlossene Türen gehen? Nein, natürlich nicht. Der Auferstandene ist anders, ist verwandelt. Ist er ein Phantom, wie ein Gespenst? Oder ist es nur eine Idee, ein Programm, das bleibt? Die Sache mit Jesus geht weiter? Nein, das auch nicht! Und darum wird so handgreiflich erzählt, dass Jesus sich berühren lässt, dass er an einem Picknick teilnimmt, Hunger hat und sich einen gebratenen Fisch geben lässt. Es bleibt also in der Schwebe: Gehen durch verschlossene Türen (übermenschlich) und Fisch essen (ganz menschlich) - beides zugleich. Hauptsache: Er lebt! Er ist dabei, der große Mitgeher für alle Ewigkeit! Raum und Zeit können ihn nicht einschränken. Er kommt nicht nur durch verschlossene Türen, sondern auch durch taube Ohren und verschlossene Herzen zu uns. Er lebt - das ist unser Glaube in einem ganz kurzen Satz. Und wir sind die Zeugen dafür. Nicht Zeugen für einen Toten, für eine Mumie, an die man sich noch ein wenig erinnert. Nein, Zeugen für einen Lebenden, der auf seine Weise auferstanden, in unserer Mitte lebt.

Auch Dichter sind erfahren darin, für das Unbeschreibliche dennoch Worte zu finden. So schließe ich mit einem Gedicht von Marie-Luise Kaschnitz:


Glauben Sie, fragte man mich, an ein Leben nach dem Tode?
Und ich antwortete: ja
Aber dann wusste ich keine Auskunft zu geben
Wie das aussehen sollte – dort

Ich wusste nur eines:
Keine Hierarchie von Heiligen auf goldenen Stühlen sitzend
Kein Niedersturz verdammter Seelen in Richtung Hölle
Nur Liebe
freigewordene, niemals aufgezehrte Liebe
mich überflutend

Mehr also, fragen die Frager,
mehr also erwarten Sie nicht nach dem Tode?
Und ich antwortete:
Weniger nicht….