Osterpredigt

Sonntag - 04. April 2015

Viele unter Ihnen haben sicher schon gemerkt, dass wieder Besucher aus Guatemala da sind, Stipendiaten unseres Studienprojekts „Samenkorn“. Maria José, Araceli, Erwin und Anibal sind junge Leute aus der indianischen Mayabevölkerung. Sie haben es bisher nicht leicht gehabt. Alle stammen aus armen Familien. Einer der Jungen ist im Waisenhaus groß geworden, die Eltern starben früh. Bei einem der Mädchen verließ der Vater schon in den ersten Jahren die Familie; die Mutter schlug sich mit den Kindern alleine durch. Und dennoch studieren diese vier, trotz aller Schwierigkeiten!
Was ist das für ein Land, aus dem sie kommen? Die Touristen sagen oft: Es ist das Land des „ewigen Frühlings“ - und haben recht! Eine großartige Landschaft; Fotografen kommen auf ihre Kosten! Wer dort lebt, sagt eher: Es ist das Land des „ewigen Karfreitags“. Das Leben ist hart und der Tod allgegenwärtig - so wie in großen Teilen unserer Welt. Die meisten Menschen leben dort in großer Armut und Unwissenheit, abgekoppelt von den Möglichkeiten der modernen Welt. Es ist äußerst schwierig, da herauszukommen. Am eigenen Leib haben viele die Ungerechtigkeit erfahren, auch dass das Leben nicht viel wert ist in einem Klima der Gewalt. Ja, das Land ist wirklich „im Karfreitag“! Unsere vier Gäste blenden das nicht aus. Es ist ihnen sehr bewusst. Und dennoch: Eine der Studentinnen sagte uns, sie wolle nirgendwo anders wohnen. Und wenn sie noch einmal auf die Welt kommen könnte, solle das möglichst wieder in Guatemala sein!

Als wir diesen Gottesdienst in der Nacht begannen, war es sehr dunkel in der Kirche; man sah kaum die Hand vor den Augen. Aber dann wurde die Osterkerze hineingetragen, wurde sogar besungen, und das Licht war da und breitete sich aus: das Licht von Jesus Christus, das Licht seiner Auferstehung und des Lebens, - das Licht, das ins Dunkel hineinleuchtet und die Finsternis vertreibt. Gibt es solch ein Licht in der heutigen Welt? Gibt es auch Ostern z.B. in Guatemala oder nur den Karfreitag?

Wenn ich noch einmal von unseren vier Gästen erzählen darf: man kann sie nach ihrer Hoffnung und ihren Hoffnungen fragen. Bei uns in unserem Land ist das nicht so einfach, etwas von der Hoffnung zu hören. Wir klagen und jammern schnell auf hohem Niveau, zählen alle Probleme auf, tragen viele Bedenken vor uns her und sehen und malen schwarz. Das ist weit verbreitet bei uns. Dagegen bringen die vier ein Licht in das resignative Schwarz und die oft leicht depressive und wehleidige Stimmung bei uns: Da strahlt Lebensfreude aus! Und Mut! So gehen sie ihren Weg und denken dabei nicht nur an ihr eigenes Fortkommen, sondern an bessere Lebensbedingungen (etwa eine bessere Bildung) für ihr Land. Sie erlauben sich so etwas wie „Visionen“ für die Zukunft: innere Bilder, die von Hoffnung getränkt sind. Immer wieder schimmert durch das Wort „Und dennoch!“. Dieses „dennoch“ – angesichts aller Nöte und Schwierigkeiten, angesichts der Kreuze dieser Welt ist ein sehr österliches Wort!

In Guatemala habe ich die Menschen öfter sagen hören: „Wir sind aufgewacht!“ Sie meinen damit, dass sie beginnen, die Welt besser zu verstehen und aus der jahrhundertealten Lethargie und Gewöhnung an die Unterdrückung aufzustehen. Sie verschlafen und verpassen ihr Leben nicht.

Aufgewacht - aufstehen. Haben Sie gemerkt, wie nah wir da dran sind an den österlichen Worten in der Bibel: auferweckt werden - auferstehen? Merken Sie, wie aktuell Ostern ist - das, was damals mit Jesus geschah? Auch er stand den Boten der Unterdrückung und des Todes gegenüber: Pontius Pilatus und den Hohepriestern. Auch er wurde zum Opfer der Lüge, der Macht, der Gewalt. Er, der in seinem Denken und Handeln immer schon „aufgeweckt“ war, stirbt am Kreuz. Grausamer als bei ihm geht es kaum. Und nun - zu Ostern - setzt Gott sein großes „Dennoch“ gegen den Tod: Er weckt Jesus auf - aus dem Tod. Er lässt ihn auferstehen. Wissen wir, was das ist: auferstehen? Eigentlich nicht. Jedenfalls ist es nicht die Rückkehr ins alte Leben. Der Kreuzestod war keine Betriebspanne, die nun rückgängig gemacht wird. Auferstehung ist der Eintritt in ein „neues Leben“ bei Gott und weiter unter den Menschen, mitten unter uns. Da passiert etwas ganz Neues, wird auch mit uns passieren. Die Sprache streikt und kann nicht ausdrücken, wie das gehen soll. Wir sind da wie blind und sol-len von der Farbe reden; das geht nicht! Auch die Bibel schildert den Vorgang nicht wie eine Fernsehkamera. Sie erzählt eher von den Auswirkungen: Jünger werden aus der Schockstarre des Kreuzes herausgeholt, fangen an, Jesus in einem neuen Licht zu sehen, rufen in die ganze Welt hinein: „Jesus lebt!“ und ziehen los mit einer ungeheuren neuen Hoffnung, einer unglaublichen „power“ - bis nach Indien oder Spanien. Fast immer sterben sie dort gewaltsam als Märtyrer und stehen so mit Leib und Leben für den auferstandenen Jesus ein.

Ostern ist und bleibt eine Riesenprovokation, eine Riesenherausforderung für unseren sogenannten gesunden normalen Menschenverstand, der eigentlich sagt: Tot ist tot. Und die Hoffnung ist ein Selbstbetrug. Und eigentlich kann man nur resignieren angesichts der Unfähigkeit der Mächtigen, die Welt in der Spur zu halten. Angesichts der Terroropfer in Syrien oder jetzt in Kenia, angesichts der Gefahren der Technik und der Habgier des großen Geldes, angesichts dessen, dass ein Einzelner, ein psychisch kranker Pilot, 150 Leute in den Tod mitnimmt.

Ostern ist eine Provokation - gegen alle inneren Lähmungserscheinungen und gegen alle Sinnlosigkeit. Ostern ist eine Provokation gegen die Herrschaft des Todes an allen Fronten. Ostern heißt: hoffen! Unsere Hoffnung steht auf gutem Grund. Auf Jesus Christus selbst. Was mit ihm geschah, wird auch mit uns geschehen. Das Licht besiegt die Dunkelheit - wie die Osterkerze gerade in der Kirche.

Liebe Schwestern und Brüder, möge es viele hoffnungsstarke Menschen geben wie unsere Studenten aus Guatemala. Möge es viele geben, deren Leben wie eine Spur von Ostern ist.

Zum Schluss ein paar Strophen aus einem Gedicht, das mir gestern zugeschickt wurde:

Wo einer am Ende nicht verzagt
und einen neuen Anfang wagt,
um Leid und Trauer zu überwinden -
da kannst du Osterspuren finden!

Wo einer im Dunkeln nicht verstummt,
sondern das Lied der Hoffnung summt,
um Totenstille zu überwinden, -
da kannst du Osterspuren finden!

Wo einer das Unrecht beim Namen nennt
Und sich zu seiner Schuld bekennt,
um das Vergessen zu überwinden -
da kannst du Osterspuren finden!

Wo einer dich aus der Trägheit weckt
Und einen Weg mit dir entdeckt,
um hohe Mauern zu überwinden -
da kannst du Osterspuren finden!

(Reinhard Bäcker)


In diesem Sinne: nicht nur gute Ostereiersuche, sondern mehr noch: gute Spurensuche nach Osterspuren!