Gründonnerstag

02. April 2015

„Frag hundert Katholiken, was das Wichtigste ist in der Kirche. Sie werden antworten: Die Messe. Frag hundert Katholiken, was das Wichtigste ist in der Messe. Sie werden antworten: Die Wandlung. Sag hundert Katholiken, dass das Wichtigste in der Kirche die Wandlung ist. Sie werden empört sein: Nein, alles soll bleiben, wie es ist!“

Das sind Worte von Lothar Zenetti. Er war jahrzehntelang Pfarrer in Frankfurt und kannte „seine“ Katholiken. Sie glaubten an die Worte Jesu beim Letzten Abendmahl, sie glaubten an die Wandlung in der Messe: das Brot in den Leib Christi, der Wein in das Blut Christi. Aber ansonsten sollte „alles so bleiben, wie es ist“ – auch sie selber. Wandlung in der Messe: ok – Wandlung im eigenen Leben und im Leben der Kirche: eher nicht! „Alles soll bleiben, wie es ist!“

Der Evangelist Johannes hat seine Leute, „seine Katholiken“, damals auch schon gut gekannt. Sie feierten schon einige Jahrzehnte das Abendmahl. Sie kannten die Worte: Das ist mein Leib, hingegeben für euch! Das ist mein Blut, vergossen für euch! Das bin ich selber - mitten unter euch! Vielleicht staunten sie noch über diese Worte Jesu. Vielleicht staunten sie noch über die Person Jesu selber. Vielleicht verstanden einige diese Worte magisch, wie eine Zauberei. Vielleicht waren schon damals diese Worte zu einer Gewohnheit geworden. Man fand sie ehrwürdig, heilig, geheimnisvoll - aber hatten sie etwas mit dem eigenen Leben zu tun? Stifteten sie dazu an, sich selber „hinzugeben“, sich selber zu wandeln? Oder blieb in einem selber alles beim Alten?

Johannes, der Evangelist, kennt seine Leute. Sie verehrten Jesus in ihren Versammlungen, in ihren Messen, sie beteten ihn an. So ging Religion immer: Gott verehren und anbeten. Aber mit der Nachfolge war und ist es schwieriger: das tun, was Jesus getan hat. Ihm wirklich folgen, nicht nur ihn mit den Lippen bekennen, in der Kirche, sondern ihn im Leben bekennen, draußen. Das ist wirklich viel schwieriger, viel unbequemer, viel anstrengender! Umkehren, sich ändern, Wandlung: damit nicht alles beim Alten bleibt, beim „alten Adam“, im Stillstand, sondern damit wir uns bewegen, nachfolgen, gehen - auf Christus zu, auf die Menschen zu!

Und darum schiebt Johannes eine Geschichte ein: die Fußwaschung. Die anderen Evangelisten bringen diese Geschichte nicht. Sie beschreiben nur den Ablauf des Abendmahls und konzentrieren sich auf Brot und Wein. Johannes dagegen sagt nur: Es fand ein Mahl statt. Und bevor es so richtig losgeht mit dem Mahl, wäscht Jesus seinen Jüngern die Füße, dem Petrus zuerst. Der versteht das nicht und will es nicht zulassen: Du, der Chef, machst die Drecksarbeit? Du, der Sohn Gottes, bückst dich so tief?

Ja, so tief bückt sich Jesus. Er beugt sich über schmutzige Füße. Er bückt sich ins Menschsein, in alles hinein, was uns verbiegt und niederdrückt, was uns klein hält und heruntermacht. Er sagt dem Petrus und den anderen: Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich gehandelt habe.

Papst Franziskus war kaum ein paar Tage im Amt, da fuhr er am Gründonnerstag vor zwei Jahren in das Jugendgefängnis Casal del Marmo im Norden Roms. Er wollte jungen Strafgefangenen, meist Migranten, darunter erstmals auch Frauen, sogar einer serbischen Muslimin, die Füße waschen. Die Atmosphäre in der Kapelle, unter diesen von der Gesellschaft vergessenen und ausgeschlossenen Jugendlichen, war wie elektrisch aufgeladen. Viele weinten, einer fragte den Papst unter Tränen: „Warum sind Sie gerade zu uns gekommen?“ Der Papst antwortete: „Es kam aus meinem Herzen. Ich fühlte es. Ich wollte bei Menschen sein, die mir helfen können, demütiger und einfacher zu sein, - wie einer zu sein, der wirklich dient. Dinge aus dem Herzen kann man nicht erklären, sie passieren einfach.“

„Ich habe euch ein Beispiel gegeben“, sagt Jesus. Nicht immer hat die Kirche das Beispiel aufgegriffen; lange genug fühlte sie sich wohler mit der Macht. Aber Papst Franziskus und viele andere haben das Beispiel verstanden und umgesetzt. Sie sind dabei, sich verwandeln zu lassen. Sie wollen nicht Herrscher des Glaubens, sondern Diener der Glaubenden sein. Dabei machen sie nicht schöne Worte über den Dienst, sondern setzen deutliche Zeichen: sie leben den Dienst vor. Und dann bleibt - weiß Gott! - nicht alles so, wie es ist. „Es kam aus dem Herzen“, sagt der Papst. Aus einem verwandelten Herzen. Wenn ich wirklich im Tiefsten glaube, dass mir Jesus im Brot und Wein der Eucharistie begegnet, dann muss ich mich mit meinem ganzen Leben („mit meinem Herzen“) von ihm verwandeln lassen! In der Fußwa-schung wie im Brotbrechen - in der Eucharistie - geht es um ein „neues Herz“. Und das neue Herz versucht, sich selber nicht mehr als den Mittelpunkt der Welt zu sehen, sondern förmlich vor Gott und den anderen „auf die Knie zu gehen“, sich zu bücken, einander zu dienen - und so „ein Leib“ zu sein - der Leib Jesu Christi in unserer so zerrissenen Welt.

Vielleicht lassen wir so, auch unsere Pfarreien und Gemeinden, die Empörung hinter uns: Nein, alles soll bleiben, wie es ist! und kommen bei Christus an: Ja, alles soll sich verwandeln, wie es von Gott gedacht ist!