Predigt beim 40. Priesterjubiläum

08. März 2015

Drei Fäden möchte ich hier zusammenbringen: das heutige Evangelium von der Tempelaustreibung, die Israelfahrt, die gerade zu Ende gegangen ist, und in deren Bann ich noch stehe, und schließlich das Jubiläum: 40 Jahre Priester (eine Zahl, die mich selber immer noch überrascht). Und diese drei Fäden kommen zusammen in der Frage: Wo ist Gott? – Das ist eine Frage, die immer bleibt, die immer mit uns geht.

Für Juden damals zurzeit Jesu gab es eine klare Antwort: Gott wohnt im Tempel, das ist das Haus Gottes. Riesig, imposant war der von Herodes gebaute Tempel, er überragte die ganze Stadt, wir haben es im Modell im jüdischen Museum gesehen. Er war wirklich das Herz und das Zentrum Israels. Die Menschen machten eine Wallfahrt dorthin, das war der Höhepunkt ihres Jahres, und sie sangen ein Lied, das zum Psalm wurde: Wie freute ich mich, als man mir sagte: Wir ziehen hinauf zum Haus des Herrn. Aber der Tempel hatte auch eine Schattenseite, die es auch in der Kirche gibt: Er war ein riesiger Wirtschaftsbetrieb, der Tempelschatz war reich bestückt, Hunderte, ja Tausende Arbeitsplätze hingen am Tempel. Das Haus des Herrn war zugleich sehr irdisch.

Jesus kommt nun dorthin; auch für ihn war der Tempel wichtig, aber man spürt seine Vorbehalte. „Ihr habt den Tempel zu einer Markthalle, zu einer Räuberhöhle gemacht“, sagt er. Also weg mit der Geschäftemacherei, mit dem Kommerz, weg auch mit den Tieropfern - man wird sie nicht mehr brauchen, er wird bald selber das eine und einzige Opfer sein, das alle gekauften Opfer überflüssig macht. Wie früher bei den Propheten sagt Gott aus seinem Munde: Ich will nicht Opfer, ich will Gerechtigkeit, Liebe zum Nächsten, Liebe zum Armen - eine gerechte solidarische Welt! Und schließlich spricht Jesus im Evangelium vom „Tempel seines Leibes“: Der Tempel aus Steinen ist überholt (er wird im Jahre 70 von den Römern zerstört); der neue Tempel, der neue Ort Gottes ist aus Fleisch und Blut: Jesus selbst. Gott ist gleichsam umgezogen, er wohnt nicht mehr in Steinen, nicht an bestimmten heiligen Orten, nicht in der Klagemauer, in deren Ritzen die Juden ihre Gebetszettel stecken. Gott wohnt in Jesus und in den Menschen.

Nun zweitens: Israel! Ein Wort war immer zu hören: Schalom! Frieden! Das ist höchst aktuell in Israel. Wir wissen: da ist kein Friede, kein Schalom; stattdessen die Konflikte mit den Arabern und Palästinensern. Die streitenden „Parteien“ schauen immerfort zurück, in die Vergangenheit. Sie sind wie fixiert auf altes Unrecht und pflegen die Verwundungen, die man ihnen angetan hat. Sie schauen zu selten nach vorn. Vergebung, Versöhnung, den ersten Schritt tun - darauf käme es an.
Dennoch: Wir sprechen vom Heiligen Land. Da wird ein Land „heiliggesprochen“, nicht weil die Menschen oder Verhältnisse heilig sind, alles andere als das, so wenig wie in der Kirche (und dennoch: heilige Kirche), sondern weil Gott an diesem Land gehandelt hat, einen Bund, eine Geschichte des Heils durchgespielt hat an einem Volk, stellvertretend für die Menschheit.

Ich hatte einen Heimatpfarrer in Essen, Karl Johannes Heyer; vor 40 Jahren hat er mir die Primizpredigt gehalten. Er war Halbjude, hatte es sehr schwer in der Hitlerzeit. Ein Künstlertyp, gründete er die Pax-Christi-Kirche in Essen. Viele Lüdenscheider waren schon dort und sahen die Steine mit den Namen in der Krypta: Namen von Menschen, die in Gewalt verstrickt waren: als Opfer, manchmal auch als Täter. Pfarrer Heyer hat in den 70er Jahren ein Buch geschrieben: Ikone Heiliges Land. Das ganze Land hat er wie eine Ikone betrachtet, wie ein Bild für Gott und Christus - die Landschaft als eine Art fünftes Evangelium: Der See Genezareth, Galiläa - eine wunderbare Jesus-Landschaft, Kapharnaum, der Berg der Seligpreisungen, die Taufstelle am Jordan, die Wüste und schließlich Jerusalem, Jesu letzten Tage dort. Einen Text im Buch fand ich besonders bemerkenswert - einen Beitrag zum Thema: Wo ist Gott?


Ich wollte dem Gesicht Jesu begegnen in Nazareth,
in den Menschen, die dort geblieben sind.
Die jungen Leute lungerten neugierig und gelangweilt herum
und hielten Ausschau nach Touristen und Pilgern.
Ich fand keinen besonderen Zug in ihnen
und sah im hastigen Nazareth nur Menschen – Menschen
und auch unterwegs weiter nach Jerusalem
begegnete ich nur Menschen.
Und wo ich gehe und stehe
schaue ich in ein Menschengesicht.
Und dann kam die Erkenntnis – das ist es, ich hab´s:
Das Menschengesicht ist Sein Angesicht!
Ich wollte das besondere Gesicht Jesu sehen
und sah das wahre Gesicht Jesu in seinen Brüdern und Schwestern.

Wo ist Gott? In den Brüdern und Schwestern. Wir haben uns weit von den Steinen des Tempels entfernt. Am letzten Tag unserer Reise feierten wir die heilige Messe in den Ruinen von Emmaus; der Lüdenscheider Pater Franz, der in Emmaus wohnt, war dabei. Und wir hörten die Geschichte von den beiden ratlosen Jüngern, die Jesus / Gott als den Mitgeher ihres Weges erfahren. Gott ist mit auf dem Weg, dem Lebensweg, dem Glaubensweg. Er mischt sich ein ins Gespräch, lässt brennende Herzen zurück, gibt sich zu erkennen im Brotbrechen. Und die beiden Jünger laufen zurück nach Jerusalem, zu den anderen, mitten in der Nacht, um ihnen zu sagen, was sie erlebt haben, um ihre Erfahrung mit ihnen zu teilen. Ich spürte in Emmaus: Gott war in unserer Mitte: wo zwei oder drei in seinem Namen zusammen sind, ist er dabei.

Ikone Heiliges Land: So vieles kann in diesem Land zum Zeichen werden. Beispiel: Unser jüdischer Reiseführer brachte uns zum Toten Meer, in dem es wegen des starken Salzgehaltes keine Fische und kein Leben gibt, und er sagte dort etwas, was mir nachging: Das Tote Meer bekommt das Wasser vom Jordan, aber es fließt nichts weiter, es gibt nichts ab - es ist Endstation. Es nimmt nur, aber es gibt nicht. Leben ist aber Geben und Nehmen. Darum ist das Meer tot.
Und ich dachte später: Vielleicht ist unsereins, ein Priester, so etwas Ähnliches wie ein Reiseführer. Er ist unterwegs mit einer Gemeinde – so wie ich jetzt 40 Jahre unterwegs bin, 40 Jahre unterwegs, wie damals das Volk Israel in der Wüste, ehe es im Gelobten Land ankam. Er ist unterwegs ins „Heilige Land des Glaubens“! Nicht allein - auf dem Weg gibt es ein Geben und Nehmen! Er zehrt von den Glaubenserfahrungen anderer und gibt seine eigenen mit hinein - etwa jetzt, in der Predigt. Der Priester als Reiseführer hilft, dass die Leute zusammen bleiben, er zeigt und erzählt und verkündet und deutet das Leben aus dem Glauben heraus, wie gerade im Beispiel vom Toten Meer. Er versucht es zumindest.

Liebe Schwestern und Brüder, ich danke Gott für diese 40 Jahre unterwegs. Wir sind alle gemeinsam auf dem Weg zu einem Ziel, das wir Gott nennen. Unsere Lebens- und Glaubensreise führt nicht zum Tod, sondern in Gottes Ewigkeit. Es ist schön - ein schöner Beruf -, dafür einzustehen. Es ist schön, Gott in Jesus und im anderen Menschen zu erkennen, gerade auch im Armen und Notleidenden. Es ist schön, damit nicht allein unterwegs zu sein, sondern mit Ihnen allen. Unterwegs finden wir die Antwort auf die Frage: Wo ist Gott? Sie könnte lauten: Gott ist da, wo man ihn einlässt.