Das Hungertuch

22. Februar 2015

Ich lade Sie ein, das neue Hungertuch von MISEREOR zu betrachten. Unübersehbar hängt es hier im Altarraum.
Was denken Sie, wenn Sie es so sehen? Merkwürdig? Die bisherigen waren viel schöner? Da konnte man wenigstens etwas darauf erkennen: eine Geschichte wurde da erzählt.
Aber das hier? Man sieht einen goldenen Klumpen in der Mitte. Kantig, er beherrscht das Bild. Ferner sieben kleine goldene Steinchen, als hätten sie sich vom Goldklumpen gelöst. Dann ein schwarzer Querbalken mittendurch. Viel grau. Was soll das?
Ein anderer Betrachter sagt vielleicht: Klasse. Endlich etwas Modernes! Wenig drauf, abstrakt, klare Formen. Bin gespannt, was das bedeuten soll.
In einer Sache sind wir uns vielleicht alle einig: Es ist ein fremdes Bild. Ja, es ist fremd, es wurde von einem Chinesen gestaltet: Dao Zi, evangelischer Christ, international bekannt, Professor für Kunst in Peking. Er sagt: „Ich möchte durch meine Kunst den Wesenskern der christlichen Botschaft sichtbar machen und nicht bloß biblische Geschichten illustrieren.“ Seine Bilder entstehen aus der Meditation. Gerade für die Chinesen, bei denen ja in den Städten ein unbeschränkter Materialismus, Konsumstil und Kaufrausch herrscht, vermittelt Dao Zi einen deutlichen Standpunkt und geistliche Werte. Sie lassen in seinem Land - und nicht nur dort - aufhorchen.

Und so ist das Bibelwort, das den Künstler beim Malen bewegt hat, sehr aktuell. Es kommt aus der Bergpredigt (Mt 6,19): „Jesus sprach zu seinen Jüngern: Sammelt euch nicht Schätze hier auf der Erde, wo Motten und Würmer sie zerstören oder Diebe einbrechen und sie stehlen. Nein, sammelt euch Schätze im Himmel. Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz. Niemand kann zwei Herren dienen. Ihr könnt nicht beiden dienen: Gott und dem Mammon.“

Schauen wir nach diesen ersten Erläuterungen noch einmal auf das Bild. Es gibt nur wenige Farben - gold, schwarz, grau und ein wenig rot. Schwarz und Gold bilden zusammen die Form eines Kreuzes, wenn man genau hinschaut. Etwas, das wie ein mächtiger goldener Stein wirkt, hat sich scharfkantig im Schwarz des mittleren Balkens verkeilt und durchbricht dessen Linie nach oben und unten.

Die Farbe Gold bedeutet für den Maler zweierlei. Die Sonne und die Macht des Göttlichen auf der einen Seite, auf der anderen Seite das, was Jesus „Mammon“ nennt: den Götzen „Geld“, den Reichtum, die Habgier, die alles zur Ware macht. Schwarz und Rot stehen für Tod, Leiden, Ungerechtigkeit und Blut.
Grau ist eine Mischfarbe aus Schwarz und Weiß. So ist unser Eindruck von der Welt: gemischt. Sie ist Gottes Schöpfung - aber sie ist nicht so (noch nicht so), wie sie sein könnte. Sie ist auch ein Ort großen Leidens und großer Ungerechtigkeit. Durch menschliche Schuld ist sie grau eingefärbt. Mit der Bibel gesprochen: Gottes Reich zeigt sich schon, ist aber noch unterwegs, ist noch nicht vollendet.

Der Stein aus Gold in der Mitte leuchtet. Der Maler sagt: Für mich ist es Christus, der in die Welt gekommen ist, unableitbar, unvorhergesehen wie ein Meteorit, der in die Welt einschlägt. Christus ein Stein? Das Evangelium nennt ihn tatsächlich so: Er ist der Stein des Anstoßes. Er ist zum Eckstein geworden.
Er ist der Stein, an dem wir uns stoßen, weil er eine Entscheidung fordert: - Wer ist der Herr deines Lebens?
- Wem dienst du?
- Auf wen bist du zutiefst ausgerichtet?
- Auf den lebendigen Gott - oder auf den toten und todbringenden Götzen Mammon, auf Gold und Geld und Besitz und Konsum?

Wirklich eine höchst aktuelle Frage: Haben die Goldbarren und Banken und Aktienpakete unserer Welt den Goldstein Jesus Christus und den Goldglanz Gottes inzwischen restlos abgelöst und verdrängt? Haben sie die Herrschaft der Welt angetreten, auch die geistige Herrschaft, die unsere Gedanken, Gefühle, Hoffnungen, Energien und inneren Antriebe beherrscht?
Und ist darum die Welt so grau? Können wir ins Graue etwas Gold hinein bringen, hinein leben, mehr als die 7 Steinchen, die schon da sind?

Das Hungertuch jetzt in der Fastenzeit stellt uns die Entscheidung neu vor Augen: Gott oder Mammon. Die Werte des christlichen Glaubens und auch der anderen Religionen oder der Mammon, die habgierige und unersättliche Ausbeutung der Welt, die dadurch immer grauer wird. Und immer blutiger.

Ich ende mit einem Gebet:

Du lässt mich nicht in Ruhe, Gott – du lässt mich einfach nicht in Ruhe. Immer bist du hinter mir her und willst etwas von mir.
Du willst, dass ich mich entscheide – und du stößt mich mit dem Kopf und dem Herz auf den Widerspruch, den unversöhnlichen Widerspruch zwischen dir und dem Mammon. Du stellst mich vor die grundlegende Wahl: Gott oder Geld.
Hilf mir, dein Wort zu verstehen. Hilf mir, dein Wort zu leben. Tiefer und tiefer.
Hilf mir, die Wahl wirklich zu treffen.
Amen.