Flüchtlinge

14. Januar 2015

Flüchtlinge – rund 50 Millionen sind es in der Welt. 50 Millionen Menschen. 50 Millionen Schicksale! Ja, Schicksale – und darum ist es wichtig, sie als konkrete Menschen zu sehen und nicht als eine abstrakte politische Rangiermasse, die man hin- und herschieben kann.

Was tun die Flüchtlinge? Sie brechen auf, weil sie nicht anders können, weil große Not sie dazu treibt. Sie nehmen seelische Wunden mit, Trauer um die Vergangenheit und den Verlust der Heimat. Sie versuchen, sich in einem sehr bescheidenen Alltag einzurichten und darin zu überleben: gebrauchte Möbel suchen, Medikamente für das kranke Kind auftreiben, Formulare ausfüllen. Sie stammeln erste Worte in der neuen, ungewohnten Sprache. Sie ertragen Fremdheit von allen Seiten. Sie wissen ganz gut, was sie wollen, aber sie wissen nicht, wie man dahin kommt! Sie warten auf Entscheidungen der Behörden. Die irakischen Familien, die wir nach Lüdenscheid eingeladen haben, warten seit Monaten auf eine Antwort der deutschen Botschaft. Die Flüchtlinge warten und warten – und hoffen auf bessere Lebenschancen. Wo tun sie das? Die meisten z.B. im Libanon, in Pakistan, in Jordanien oder Kurdistan – in sehr armen oder sehr kleinen Ländern. Und dann auch bei uns. In eher verkraftbaren Zahlen. Für Lüdenscheid heißt das: einige Hundert Menschen. Keine „Flut“ ergießt sich da über uns. Nichts, was dumpfe Ängste und Abwehr wecken muss. Wohl aber ist Nachdenken herausgefordert: Wie gehen wir mit ihnen um?

Wir, die wir jetzt hier sind, und ganz viele Menschen in unserer Stadt möchten den Flüchtlingen sagen: Ihr seid willkommen!
Warum ist eine Willkommenskultur den Gemeinden und christlich geprägten Menschen eigentlich in die Wiege gelegt? Weil unsere Tradition selber voll ist von Fluchterfahrungen. Abraham verlässt sein Land und bricht auf ins Neue. Mose und sein Volk fliehen vor politischer Unterdrückung durch den Pharao. Die Juden werden ins Babylonische Exil verschleppt: „An den Flüssen Babylons saßen wir und weinten, als unsere Gedanken gen Zion gingen.“ Das Kind Jesus wird im Stall geboren, in einer Notunterkunft ganz eigener Art. Die heilige Familie entgeht dem Kindermord in Bethlehem durch Asyl in Ägypten. Wie mögen die Ägypter sie wohl behandelt haben? Der Menschensohn sagt von sich, er habe keinen Stein, um sein Haupt darauf zu legen. Das heißt: er hat keinen festen Wohnsitz, nirgends ist er wirklich zuhause.

Diese Migrationserfahrungen haben tiefe Spuren in der Bibel hinterlassen. Vor allem das Alte Testament erinnert immer wieder daran: „Ihr selbst seid Fremde gewesen!“ Es enthält sehr menschenfreundliche Vorschriften, wie man Flüchtlingen, Fremden und anderen Hilfesuchenden begegnen soll. Im Neuen Testament findet sich ein Echo davon: „Ich war fremd, und ihr habt mich aufgenommen“, sagt Jesus in der Rede vom Weltgericht (Mt 25). Auch der häuslichste und sesshafteste Christenmensch kann mitsingen: „Wir sind nur Gast auf Erden“ und spürt vielleicht manchmal auch, dass wir in unserer Welt „nicht ganz zuhause sind“, dass wir in ihr nicht aufgehen, dass wir alle auch Fremde bleiben. Ein „geistiger Migrationshintergrund“ haftet Juden und Christen gleichermaßen an. Strenggläubige Juden drücken das so aus, dass sie einen Teil ihrer Wohnzimmerwand unverputzt lassen – d.h. sie leben „provisorisch“, fühlen sich als Menschen unterwegs, hin zu Gott.

Wie gehen wir als Christen mit Flüchtlingen um? Die Antwort ist eindeutig: Gastfreundlich! Wer sich selber als Gast auf Erden sieht, hat ein Herz für die Fremden. Und da haben sich die Christen schon in den ersten Jahrhunderten einiges einfallen lassen, was die heidnische Welt in Erstaunen setzte und den Gemeinden großen Zulauf brachte. Haben Sie schon einmal das Wort Xenodochien gehört? Ich bislang auch nicht. Ich stieß jetzt bei der Lektüre eines Buches über die Hospizbewegung darauf. Xenodochien waren in den Gemeinden etwa des 4. Jahrhunderts Aufnahmestationen, Herbergen, Hospize für jedwede Art von Armen, Fremden und Bedürftigen. Das war praktizierte Barmherzigkeit pur, die auch Heiden und Juden zugutekam; niemand musste einen Taufschein vorweisen. Der Flüchtling fand da ein Asyl, der Fremde ein zeitweiliges Zuhause. In den aufkommenden Klöstern wurde das weitergeführt mit einer sprichwörtlichen Gastfreundschaft. Erkenne Christus im Fremden, im Gast, schrieb der Mönchsvater Benedikt in seine Regel. Was könnten wir heute – nach 1500 Jahren – anderes und besseres sagen? Erkenne Christus im Flüchtling, im Fremden – und wenn dir das zu fromm klingt: Erkenne den Menschen in ihm, die Schwester, den Bruder.