Ehrensache Ehrenamt

Allianzgebet am 11.01.2017 im Rathaus Lüdenscheid

Ehrenamt? Eigentlich ist das ein komisches Wort! Erwarten Sie nicht allzu viel Ehre von außen, erwarten Sie auch kein Amt. Das besetzen in der Regel die sogenannten "Haupt-Amtlichen". Erwarten Sie um Himmels willen auch keine Bezahlung! Bezahlung beißt sich mit Ehrenamt. Ehrenamt, das heißt: Gotteslohn. "Vergelt´s Gott," sagt der Pfarrer in Bayern zur Aushilfsküsterin. Vielleicht sagt er auch gar nichts. Dann hat er in der Pfarrersausbildung - praktischer Teil - den Schritt verschlafen mit dem schönen Titel "Dankeskultur". Da lernt man Selbstverständlichkeiten: dass ein ehrliches Dankeschön das Herz erfreut. Und dass irgendeine leise Weise der Anerkennung auch dem idealistischsten Ehrenamtlichen wohl guttut.


Trotz dieses finsteren Befunds (was der Ehrenamtliche alles nicht bekommt) drängen sich die Deutschen nach dem Ehrenamt - immer noch! Wissen Sie, wie viele es in unserem Land sind? Ich habe es nicht glauben können: ca. 23 Millionen! Jeder dritte bis vierte Deutsche! Heruntergebrochen auf Lüdenscheid hieße das: so an die 20.000 Leute in unserer Stadt! Sie haben eine breite Palette an Wahlmöglichkeiten: von den Sternsingern bis zur Sterbebegleitung. Unzählige Formen konkreter Hilfe. "Klassiker" wie die freiwillige Feuerwehr. Und Dienste, die von aktueller Nachfrage bestimmt werden - etwa die Flüchtlingsarbeit.


Diese Bereitschaft, sich einzusetzen und auf eine verlässliche Weise zu helfen, ist einer der ganz großen Schätze in unserem Land. Ich muss gestehen, dass es mir wirklich ans Herz ging, gerade in den beiden letzten Jahren so viel Hilfsbereitschaft den Flüchtlingen gegenüber mitzuerleben. Etwas pathetisch gesprochen: unser Land hat dadurch seine Ehre bewahrt. Durch das Ehrenamt! Die Ehre, die durch so vieles andere gegensätzliche Treiben - Hass, Engstirnigkeit, Engherzigkeit, Geringschätzung - immer und wohl auch immer mehr bedroht ist. Apropos Ehre - ich hörte eine ältere Frau (Typ "feine Dame") sagen: "Es ist mir eine Ehre, den Flüchtlingen helfen zu dürfen!" Vielleicht wirft diese Äußerung ein besonderes Licht auf das Ehrenamt.


Die Motive für diesen vielfachen Einsatz? Vermutlich eine ebenso große Bandbreite: soziale Verantwortung und Nächstenliebe, manchmal Selbstlosigkeit. Vieles macht auch Spaß, eröffnet neue Kontakte und Gemeinschaft. Das Gefühl, etwas Sinnvolles tun zu können und tun zu dürfen. Die Situation des Win-Win (beide Seiten haben etwas davon) ist nicht anrüchig und nicht ethisch minderwertig. Sie gibt oft Stabilität und einen längeren Atem. Menschen im Rentenalter zum Beispiel freuen sich, wenn sie gebraucht werden und mehr tun können, als den Hund Gassi zu führen und den Rasen zu mähen. Und Menschen, die im Glauben und in einer Gemeinde zu Hause sind, hoffen, auch und gerade auf diesem Wege den Willen Gottes zu tun: nicht um sich selber zu kreisen, sondern anderen gut zu sein.


Ehrenamt ist kein Wort aus dem biblischen Wörterbuch. Aber der Sache nach sind die Paulusbriefe voll davon. Paulus redet und schreibt stattdessen vom "Charisma". Wenn wir in der Alltagssprache sagen: "Jemand ist charismatisch", dann bescheinigen wir ihm eine ungewöhnliche geistlich-menschliche Ausstrahlung. Gerade das Ungewöhnliche hat Paulus nicht gemeint. Für ihn hat jeder Christ durch Glaube und Taufe ein Charisma, eine Gnadengabe. Etwas, über das man nur staunen kann: Gott hat jedem eine Gabe mitgegeben! Und niemand soll sagen müssen: Als Gott die Charismen verteilte, hat er mich übersehen, ich habe keine mitbekommen! Was bin ich denn schon? Was kann ich denn schon? Diesem in der Kirche durchaus existierenden Minderwertigkeitskomplex tritt Paulus mit Leidenschaft entgegen: Jeder hat ein Charisma, er muss es nur entdecken, entfalten und einbringen.


Paulus bricht eine Lanze für die alltäglichen Charismen, also nicht für die, die immer auf der Bühne oder "im Schaufenster stehen". Wir würden sagen: für die Arbeiter im Hintergrund, für die Aufmerksamen, für die, die z.B. trösten können. Und vielleicht auch für die, die zuverlässig und verlässlich Kaffee kochen und hinterher den Saal aufräumen, wenn alle schon gegangen sind.


Das Kriterium des Paulus ist: der Nutzen für die Gemeinde, für die anderen. Ja, der ganz praktische Nutzgedanke: Was haben die anderen davon? Was dient dem Aufbau des Leibes Christi, der Gemeinde? Die Virtuosen, die in der Gemeinde von Korinth glänzten - etwa die Glossolalen, die ekstatischen Zungenredner -, die produzierten oft Parteiungen und Streit. Und man verstand sie nicht. Diejenigen, die oft still und geistesgegenwärtig anpacken, andere ansprechen und das Nötige tun, die bauen den Leib Christi auf.


Petrus ist im 1. Petr 4,10 derselben Meinung: Dient einander als gute Verwalter der vielfältigen Gnade Gottes, jeder mit der Gabe, die er empfangen hat.


Dienen mit der Gabe, die er empfangen hat - auch wenn diese Gabe mir selber oder anderen nur klein und nebensächlich erscheinen sollte. Eine Stunde Ehrenamt in der Woche - statt zwölf Stunden. Altkleider bündeln statt ein Vorstandsposten. Hauptsache: es geschieht in der Liebe. Hauptsache: es geschieht für andere. Zum Aufbau des Ganzen.