Jahreswechsel 2014 / 2015

01. Januar 2015

An diesem letzten Abend im alten Jahr (ersten Morgen im neuen Jahr 2015) liegt es nahe, einen Rückblick zu halten auf das Vergangene und nach vorn zu schauen ins neue Jahr.

Blicken wir zurück auf das, was im vergangenen Jahr in der Welt geschah: Es war ein Jahr, in dem der Islam verzerrt und missbraucht wurde, um Menschen zu knechten und zu versklaven. Wohlgemerkt: wir erleben einen Missbrauch des Islam. Ein fanatischer Missbrauch, in dem Köpfe abgeschlagen, Christen und Andersgläubige verfolgt, Hunderte junge Mädchen in Nigeria entführt und rund 140 Schulkinder in Pakistan umgebracht wurden. In Pakistan, wo gleichzeitig eine Heldin unserer Zeit, die junge Malala mit 17 Jahren den Friedensnobelpreis erhielt.

Es war ein Jahr, in dem Russland, das sich vom Westen gedemütigt fühlt, „die Stacheln ausfuhr“ und mit der Ukraine Katz und Maus spielt. Die Meinung, es würde in Europa alles friedlich und harmonisch weiterlaufen, erwies sich als Illusion. Kriegerische Gewalt ist wieder denkbar.

Es war ein Jahr, in dem Menschen unter Naturkatastrophen und Epidemien (Ebola in Westafrika!) zu leiden hatten - ein Jahr, in dem die Klimaveränderung sich spürbar auswirkte und viel zu wenig geschah, um „die Schöpfung zu bewahren“.

Es war ein Jahr, in dem sichtbar wurde: Befreundete Länder spionieren sich aus, totale Überwachung ist möglich, der „gläserne Mensch“, von dem man alles weiß, gehört nicht mehr nur ins Reich der Phantasie.

Es war ein Jahr, in dem wieder unzählige Menschen auf der Flucht waren, weil sie woanders Sicherheit suchen: Nächte ohne Alpträume, Arbeitsplätze, bessere Lebensbedingungen. Der Name der Insel Lampedusa steht für die Gefahren auf ihrem Weg. Ob man sich vor ihnen abschottet oder sie willkommen heißt? Unsere Pfarrei hat sich bereit erklärt, für 16 Christen aus dem Nordirak - jetzt IS-Gebiet - den Lebensunterhalt zu sichern, bis sie als Asylanten anerkannt sind; wir hoffen, dass sie bald ausreisen können und in Lüdenscheid gut ankommen.

Es war ein Jahr, in dem unsere Kirche „in Atem gehalten wird“ und immer wieder aufgerüttelt wird durch Papst Franziskus, der ständig für Überraschungen sorgt, Reformen anstößt und die Armut und die Zuwendung zu den Menschen predigt und vorlebt. Wenn einer „der Mann des Jahres“ war, dann er.

Es war sicherlich ein Jahr der „Normalität“ für unser Land, mit stabiler Wirtschaft und eher ruhigem politischem Geschäftsgang - aber auch mit wachsender Nachdenklichkeit, wie es weitergehen soll in der Gesellschaft mit Alt und Jung, mit Einheimischen und Ausländern, mit Reich und Arm.

Und es war ein Jahr, in dem wir unsere ganz persönlichen Erfolge und Misserfolge hatten, - Momente, für die wir Gott von Herzen danken können und Ereignisse, die uns zu schaffen machten und mit denen wir vielleicht noch nicht fertig sind. Bringen wir in einer kurzen Stille diese Dinge vor Gott.

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Und die Zukunft, das kommende Jahr? Wir kennen es nicht. Wir können es heute nur begrüßen - mit Neugierde, mit Gelassenheit. Vielleicht mit der Haltung, die von Maria im Evangelium berichtet wird: „Maria bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen und dachte darüber nach“. Denken wir uns einmal in die Mutter Christi hinein: Maria hatte ein Jahr hinter sich, in dem die Überraschungen sie überrollt hatten: die Schwangerschaft, die unklaren Verhältnisse mit Josef, ein Hoffen und Bangen auf das Kind, das ihr eigenes noch junges Leben komplett durcheinander bringt und zugleich unendlich reich macht. Dann die Geburt an einem fremden unbekannten Ort, in Bethlehem, kein Platz in der Herberge, kein geordnetes Leben. Maria teilt die Erfahrung vieler Menschen, die an den Rand gedrängt sind, für die nur Stall und Krippe bleibt. Und die Flucht nach Ägypten, - Flucht vor einem tyrannischen König, der Kinder ermorden lässt! Keine Sicherheit! Ein Wechselbad der Gefühle! Neben dem Schrecklichen und Schwierigen aber auch das große Glück: Maria erlebt, wie in dem Kind Himmel und Erde sich berühren, ja wie sie „den Himmel in ihren Armen hält“, wie sie Gottes Verheißung im Rücken hat. Bald werden die Eltern das Kind zum Tempel bringen, um es Gott anheim zu geben, sie sagen: Es gehört uns nicht, es ist nicht unser Besitz, es ist uns nur geliehen. Ja, wirklich Wechselbad der Gefühle: Sorgen und Nöte, aber auch Hoffnung und Freude – wie in unserem Leben.

Die Tage nach der Geburt waren bei Maria offensichtlich erst einmal Tage der Besinnung und des Innehaltens. Marias Tage zwischen den Jahren, wenn man so will. Eine Zeit, um das Geschehene zu bedenken und alles Glück und alle Freude in ihrem Herzen zu bewahren.

Das möchte ich für mein kommendes Jahr mitnehmen: die Momente der Freude, der Nähe, des Himmels - in allem und trotz allem anderen. Und ich möchte mir heute von allen Gebeten und Bibelworten und Liedern sagen lassen: Das Licht, das uns aufgestrahlt ist, wird auch im neuen Jahr leuchten, und Gottes Freundlichkeit wird uns anlächeln und segnen. Und wenn wir fallen, dann in Gottes Hand...